RISIKO RESET
1. KAPITEL



                                               

 Lieber Leser,

ich wende mich auf diese Art an die Öffentlichkeit, um meine Gedanken zu ordnen. Ich brauche Mitwisser und damit das Gefühl, dass irgendwo noch jemand etwas darüber erfährt, was mir passiert ist.

Ich weiß, in einer Zeit, in der Physiker in unterirdischen Rohren durch Teilchenbeschleuniger versuchen, den Urknall zu rekonstruieren und dabei in Kauf nehmen, dass wir in schwarzen Löchern verschwinden oder unsere Erde mit sicheren Schritten auf eine Klimakatastrophe zuwandert, sind Erlebnisse eines einzelnen Menschen eigentlich nicht dramatisch genug, um öffentliches Interesse zu erlangen.

Ich will mich aber gar nicht austauschen und ich möchte nicht diskutieren, ich will auf jeden Fall anonym und unerkannt  bleiben - ich muss es nur einfach endlich loswerden.

Mir ist etwas passiert, dass ist so unfassbar, so unglaublich, dass ich  mein Leben nicht mehr kontrollieren kann. Ich habe das Gefühl, dass sich in meinem Kopf zurzeit so ein schwarzes Loch befindet, das droht, alle meine Gedanken aufzusaugen und zu verschlingen.

Jetzt werdet Ihr sagen: "Aha, wieder so eine depressive, paranoide Psychopathin, die den Drang hat, ihre schwarzen Gedanken in die Welt hinaus zu jammern...."

Falsch!

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass ich ein sehr nüchtern denkender Mensch bin, dass ich eine Frau bin, die durch eine gewisse - im Hinblick auf das gängige Frauenbild, eher unweibliche - Pragmatik  besticht.

Nicht nur das!

Ich bin  witzig! Wirklich!.... Eigentlich!

So..., damit man mir nicht vorwerfen kann, ich würde aber nun doch ziemlich lamentieren und um den heißen Brei herumreden, komme ich zur Sache:

Vor fast genau fünf Jahren war ich an einem Sonntagnachmittag im Frühherbst mit einer lieben Freundin unterwegs. Wir hatten uns vorgenommen, einen unbeschwerten Frauennachmittag zu verbringen.  Als berufstätige Ehefrauen mit Kindern waren wir etwa in der gleichen anstrengenden Lebenssituation und froh, etwas abschalten zu können. Da das Wetter noch angenehm warm war und die Sonne schien, fuhren wir in den Freizeitpark unserer Nachbarstadt.

Zum Abschluss beschlossen wir noch auf dem ca. 300 m hohen Fernsehturm in der Mitte des Parks bei einer Tasse Kaffee die Aussicht zu genießen. Aufwärts ging es mit einem dieser hochtechnisierten Aufzüge, die geräuschlos und mit rasanter Geschwindigkeit in die Höhe schießen.

Bei der Abfahrt mit einem dieser Aufzüge passierte etwas ganz Schreckliches.

Mit uns in der Kabine war ein älterer Herr mit Kappe, der auf einem Klapphocker sitzend die Knöpfe des Aufzuges bediente und uns beim Eintreten freundlich angelächelt hatte, außerdem eine ältere Dame mit ihrem Enkelkind, zwei junge Pärchen, ein älteres Paar und eine vierköpfige Gruppe junger Männer.

Ein Gong ertönte und ein leichtes Vibrieren zeigte, dass der Aufzug sich jetzt in Bewegung setzte. Einer der jungen Männer sagte: "Wo sind denn hier die Fallschirme?" und er und seine Kumpel lachten ein bisschen zu heftig über diese geniale Äußerung

.... in diesem Moment hörte man ein sehr  lautes, kratzendes Geräusch von oben.  Es hörte sich  so ähnlich an, als ob jemand mit einer riesigen Kralle das Autodach von dem Auto aufreißt, in dem man gerade fährt. Gleichzeitig ging ein gewaltiger Ruck durch die Aufzugskabine, wir schrieen - ich glaube - alle.

Und dann schoss die Aufzugskabine abwärts.

Mir wurde übel.

In meinem  Kopf wiederholte sich immer wieder: "Gleich kommt der Aufprall, gleich kommt der Aufprall!"

Die Kabine sackte abwärts. Ich hatte das Gefühl sie wurde immer schneller. Ich hörte auch nichts mehr, sondern sah nur noch in die weit aufgerissenen Augen und Münder der anderen Menschen. Es war als ob ich eine hässliche Fotografie anschaute, einfach schrecklich.

Die Kabine fiel und fiel ....und fiel.

Sie prallte immer noch nicht auf, sackte  weiter ab . Meine Ohren rauschten, mir war furchtbar schwindelig, ich übergab mich.

Jetzt hatte ich das Gefühl, die metallenen Wände der Aufzugskabine lösten sich langsam in einem weißen Nebel auf. Ich fühlte auch den Boden unter den Füßen nicht mehr. Ich verlor die anderen Menschen aus den Augen. Es war, als ob ich ganz allein in einem dichten Nebel abwärts stürzte.

Der Sturz wurde langsamer, ging in ein sanfteres Abwärtsgleiten über. Ich schwebte durch weißen Nebel. Nun fing der Nebel an zu strahlen und ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte mich. Unbeschreiblich. War das der Tod?  Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass irgendwann in diesem Glücksgefühl auch Bilder meiner beiden Kinder auftauchten. Sie drängten sich vor mein inneres Auge, die Sehnsucht in diesem Zustand zu bleiben wurde überlagert, ja verdrängt. Ich fing an, mich dagegen zu wehren. Ich wollte zu meinen Kindern. Meine ganze innere Kraft bäumte sich dagegen auf, weiter in diesem wunderbaren Gefühl zu schweben. Es war ein Kampf, den ich mit Worten kaum beschreiben kann -die Liebe zu meinen Kindern war wie eine schwere Last, wie ohrenbetäubender Lärm, wie Blitze, die mir durch den Körper schossen.

 In  mein Bewusstsein drang nun eine merkwürdige Gewissheit: Du hast eine zweite Chance zu leben!

Man muss versuchen, sich das so vorzustellen: Ich befand mich in dieser Situation  in einem Zustand ohne Zeit und Raum, konnte aber plötzlich klar und logisch denken. Die Sehnsucht nach den Kindern war stärker als der Wunsch sich weiter treiben zu lassen. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass ich eine Entscheidung treffen musste:

'Du musst jetzt wählen, wie du sterben willst!'

Meine Entscheidung war das Ergebnis eines strukturierten, folgerichtigen und abgeklärten inneren Dialogs .

Gut - ich entscheide mich: 'Ich will ertrinken'.

In diesem Moment verlor ich das Bewusstsein. 

                       

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