RISIKO RESET
1. KAPITEL



 

 

                                 2

Das erste an das ich mich erinnere ist ein lautes Rauschen und Pfeifen in meinen Ohren und eine unendliche Müdigkeit. Ich fühlte, dass ich auf dem Bauch lag, mit dem Gesicht nach unten. Das Rauschen und Pfeifen wurde leiser und ich nahm Geräusche aus meiner Umgebung wahr, zuerst nur das laute Weinen eines Kindes. Nach und nach registrierte ich auch andere Stimmen, hauptsächlich aber Stöhnen und Jammern.

Nun spürte ich, wie mich jemand auf den Rücken drehte. Dabei war es aber immer noch so, als ob ich rundherum - auch mein Kopf- in eine dicke Wolldecke gepackt war und die Geräusche und Berührungen nicht ganz zu mir durchdrangen. Eine Hand klopfte auf diese Wolldecke vor meinem Gesicht, immer wieder, bis aus dem Klopfen ein Klatschen wurde.

"Hallo, hallo.....Wach werden!" Ich wollte antworten, aus meinem Mund kamen aber nur gurgelnde Geräusche.

"Bleiben Sie ganz ruhig! Ihnen wird sofort geholfen."

Ob wohl jemals jemand auf diese Ansage hin völlig entspannt reagiert hat?! In meiner Hilflosigkeit fühlte ich Panik aufsteigen. Ich konnte mich nicht bewegen und wollte, dass man sich um mich kümmert..und zwar sofort! Wenigstens war die "Wolldecke" um mich herum weg.

Jetzt konzentrierte ich mich darauf, die Augen zu öffnen - komisch, wie schwer so etwas sein kann! Mit aller Anstrengung schaffte ich es, ein Auge einen Spalt aufzuziehen.

 Ich sah Licht und schattenhaft Menschen neben mir. Einer dieser Schatten beugte sich wieder über mich. "Sie ist wach", hörte ich die Stimme sagen. Es war eine Männerstimme.

Gut, jetzt noch das zweite Auge. Ich knibbelte mit aller Anstrengung und konnte mehr erkennen. Die Aufzugtür stand offen und einige Personen bewegten sich im Aufzug. Neben mir saßen oder lagen andere Menschen. Ich versuchte den Kopf zu drehen, um nach meiner Freundin zu gucken, dabei wurde mir so übel, dass ich nur mühsam den Brechreiz unterdrücken konnte.

Das, was mir da im Gesicht klebte, war das Erbrochenes oder etwa Blut?

"Katja?" krächzte ich heiser. Keine Antwort. Jetzt hörte ich eine Blauchlicht-Sirene und kurz danach eilige Schritte näher kommen. Es war sehr beruhigend zu spüren, dass man sich um mich kümmerte. Ich wurde vorsichtig angefasst und befühlt, man stellte mir Fragen, das Antworten klappte auch schon ganz gut.

Der Aufzug füllte sich mit orange-weißen Menschen. Das Kind wurde als erstes auf dem Arm eines Sanitäters oder Arztes heraus getragen, es schluchzte immer noch jämmerlich.

Ich lag ziemlich dicht an der Aufzugstür und wurde dann als nächste vorsichtig auf eine Bahre gehoben, anschließend aus der Aufzugskabine gebracht. Mir tat eigentlich nichts weh, allerdings war mir entsetzlich schwindelig. Noch einmal versuchte ich den Kopf zu heben, um in dem Durcheinander nach meiner Freundin zu gucken. Der Schwindel war zu heftig, ich gab es auf.

Die Helfer schoben meine Bahre auf ein Gestell und ich wurde zu einem Krankenwagen gerollt.

"Was ist mit meiner Freundin?" fragte ich einen jungen Sanitäter, "sie ist auch im Aufzug".

"Keine Sorge, alles ist in Ordnung - wir kümmern uns um jeden."

Na Gott sei Dank!

Im Krankenwagen  erhielt ich von einer Frau, vermutlich eine Ärztin,  eine Infusion und merkte sofort, dass ich schläfrig wurde. Im Halbschlaf bekam ich mit, wie sie an mir herum hantierte. Mein Gesicht wurde abgerieben. "Blut?" fragte ich. "Nein, nein."

"Was ist eigentlich passiert?" fragte ich.

"Der Aufzug hatte wohl einen technischen Defekt, "war die knappe Antwort.

Aha. Wäre ich gar nicht drauf gekommen. Und ich hatte schon gedacht, es wäre die Premiere einer neuen Touristenattraktion! Meine Güte, war die Frau unkommunikativ! 'Bleib locker,' sagte ich zu mir, 'deine Lage ist zwar gar nicht ganz so schlecht - aber zum Meckern bist du zu müde.'

Also redete ich nicht mehr. Ende!

Mit Sirene und ziemlich schneller Fahrt ging es zum Krankenhaus.

Wohl durch die Beruhigungsspritze war ich so müde und entspannt, dass ich die Untersuchungen, die sofort und ziemlich hektisch eingeleitet wurden, mit stoischer Ruhe über mich ergehen ließ.

Einmal hörte ich, wie eine Röntgenassistentin fragte: "Ist das der Kopf aus dem Aufzug?" ..............Kein Kommentar. Sie verstehen?

Endlich landete ich in einem richtigen Krankenhauszimmer mit einem normalen Krankenbett. Kurz danach kam ein älterer Herr im grünen Kittel zu mir ins Zimmer. Er begrüßte mich, stellte sich als Dr. Sowieso vor, studierte eine Krankenakte, offensichtlich meine, und sagte: "Sieht gut aus. Bis auf eine Gehirnerschütterung haben sie den Unfall gut überstanden. Sie sind mit Ihrem Kopf aufgeschlagen, als sie das Bewusstsein verloren. Die dicke Beule an der Stirn weist auch darauf hin."

Eine Beule hatte ich also. Ich fasste an meine Stirn. Tatsächlich... und weh tat es auch, wenn man sie berührte.

"Ist meine Freundin, Frau Wolter, auch hier in diesem Krankenhaus?"

"In ein paar Tagen sind Sie wieder zu Hause. Jetzt lasse ich aber erst einmal Ihren Mann und Ihre Kinder zu Ihnen." Er lächelte aufmunternd und ging hinaus.

Durch die noch geöffnete Tür stürmten meine beiden Kinder herein, dahinter war mein Mann. Mein Sohn war damals zehn Jahre alt, meine Tochter acht. Es gibt sehr wenige Momente im Leben, in denen man so glücklich und zufrieden ist, dass man sich wünscht, dieser Augenblick sollte immer anhalten.  Man kann sich noch Jahre später an diesen Moment und an dieses Gefühl erinnern. So einen Moment erlebte ich jetzt. Ich hatte meine Beiden im Arm und wollte sie nicht mehr loslassen.

Nachdem ich mir hinterher die Tränen abgeputzt und ordentlich ins Taschentuch geschnäuzt hatte, schob mein Mann, Robert, die protestierenden Geschwister aus dem Zimmer und sagte: "Wartet mal einen Moment draußen, ich möchte mit der Mama kurz allein sein."

Er nahm mich in den Arm und wir hielten uns auch einen Moment lang fest.

"Kannst du mir jetzt bitte sagen, was da eigentlich passiert ist?" fragte ich ihn anschließend.

"Nachdem was ich gehört habe, gab es einen technischen Defekt. Eure Aufzugskabine war einige Sekunden lang im freien Fall, bis die Sicherheitssysteme sich aktivierten und ihr abgebremst wurdet, .........wohl etwas unsanft."

"Das ist aber eine sehr moderate Beschreibung dieses Horrors", versuchte ich zu scherzen und grinste.

Robert grinste nicht. Erst jetzt bemerkte ich, dass er komisch aussah. Er war sehr blass, die Wangenknochen traten  hervor, wie ich es von ihm kenne wenn er angespannt ist. Am beunruhigendsten sahen seine Augen aus, sie waren gerötet und hatten einen gehetzten Ausdruck.

Meine Güte, er stand unter Schock!

Ich nahm seine Hand und streichelte sie. "Beruhige dich, alles ist doch noch ganz gut ausgegangen."

Er sah immer noch komisch aus, obwohl er jetzt versuchte zu lächeln.

"Hast du was von Katja gehört? Wo ist sie?"

Robert wurde grau im Gesicht.  Er senkte den Blick und es vergingen lange Sekunden.  Dann flüsterte er: "Katja ist tot."

In die ungeheure Explosion des Entsetzens, der Fassungslosigkeit und der Trauer um meine liebste Freundin schob sich als dunkler Schatten das erste mal die Erinnerung an die Empfindungen und  Wahrnehmungen, die ich während des Absturzes der Aufzugskabine gehabt hatte.

 

                                       * * *

 

In der nachfolgenden Zeit ging es mir sehr schlecht. Nur Mühsam erholte ich mich von dem traumatischen Erlebnis. Die körperlichen Beschwerden hatte ich zwar relativ schnell überwunden, jedoch der Tod meiner Freundin und die Umstände die dazu geführt hatten, lösten bei mir eine bleierne Niedergeschlagenheit aus.

 

Der Aufzugsunfall war einige Tage lang kurz durch die Presse gegangen. Wie wir erfuhren, hatten alle übrigen Mitfahrenden den Vorfall mit nur wenigen Prellungen und leichten Verletzungen relativ heil überstanden. Bei Katjas Obduktion stellte sich aber wohl heraus, dass sie unbemerkt an einer Herzmuskelentzündung gelitten hatte. Durch den Schock während des Absturzes kam es bei ihr zum Herzstillstand. Einfach so.

 

Ich durchlebte die Zeit bis zur Beerdigung meiner langjährigen Freundin wie in Trance. Bei meinem Arbeitgeber meldete ich mich, nach dringender ärztlicher Empfehlung, arbeitsunfähig.  

 

 

Von den Betreibern des Fernsehturms und der Aufzugsfirma erhielt ich fast gleich lautende Briefe, in denen Bedauern über den Unfall ausgedrückt wurde mit dem Angebot, sich außergerichtlich auf eine angemessene Schmerzensgeldsumme zu einigen. Ich legte die Briefe auf Roberts Schreibtisch.

 

Die täglichen Pflichten mit den Kindern erledigte ich wie eine Maschine, selbst von Robert zog ich mich zurück. Das Entsetzen, das ich fühlte, konnte ich mit niemandem teilen. Ich konnte einfach nicht ausführlich darüber sprechen, nicht einmal mit einem Arzt oder Psychotherapeuten. Es gelang mir nur, mich zusammenzureißen, wenn wir mit Katjas Familie zusammentrafen. Ihrem Mann und ihren beiden Kindern ging es selbstverständlich noch wesentlich schlechter als mir. Zu sehen, wie groß der Schmerz für die Familie war und wie sie litten, lösten mich aus meiner eigenen Starre. Robert und ich halfen so gut wie wir konnten.

 

Ich hatte immer noch nicht verstanden, welche Bewandtnis meine Vision während des Absturzes in der Kabine gehabt hatte. Wie sich herausstellte, waren wir wirklich nur einige Sekunden im freien Fall gewesen. Mir war aber doch der Absturz endlos lang vorgekommen! Hatte sich mein Bewusstsein durch die auftretende Panik so getrübt, dass ich fantasierte? Andererseits war das Erlebte unglaublich real in meiner Erinnerung! Ich konnte alles ganz genau nachempfinden und hatte jedes noch so kleine Detail genau vor meinen Augen.

Vom Abbremsen der Kabine hatte ich allerdings wiederum nichts mitbekommen und daran, dass ich mit dem Kopf aufgeschlagen war, konnte ich mich überhaupt nicht erinnern.

 

Am Tag der Beerdigung brachten wir unsere Kinder zu Roberts Eltern. Meine Eltern hatten Katja auch gut gekannt und sehr gerne gemocht, sie wollten uns begleiten.

 

Die Trauerholle war völlig überfüllt, viele Trauergäste fanden keinen Platz und standen draußen. In der ersten Reihe saßen Katjas Mann und die Kinder. ..

 

Liebe Leser, ich erspare mir und Ihnen jetzt weitere Details über den Ablauf der Zeremonie bis zum Einlass des Sarges in die Erde und das Abschiednehmen der Menschen, die Katja geliebt hatten – es war einfach nur grausam.

 

Langsam gingen wir anschließend mit den vielen Menschen Richtung Friedhofsausgang. Katjas Mann war mit den Kindern zügig vom Grab weggegangen, er wirkte wie ein Greis und hatte offensichtlich keine Kraft mehr.

 

Plötzlich berührte mich jemand am Arm. Ich drehte den Kopf zur Seite und sah einen jungen Mann, der neben mir herging. Irritiert hob ich die Augenbrauen.

„Sie waren doch auch im Aufzug, oder?“ fragte er.

„Ja,....und?“

Robert wurde ebenfalls aufmerksam und sah mich fragend an.

„Um was geht es denn?“

Ich vermutete einen Mitarbeiter der Presse, der mein verheultes Gesicht gerne fotografieren wollte.

„Erkennen Sie mich denn nicht?“ fragte der junge Mann.

Nun sah ich ihn mir genauer an. Er war groß und schmal und sehr blass. Unter seinen Augen waren fast schwarze Ringe, er wirkte krank - vielleicht nahm er Drogen.

 

„Nein“, sagte ich ablehnend.

Jetzt flüsterte er: „Ich war auch dabei.“

„Wobei?“

„Im Aufzug.“

Ich erschrak und schaute ihn noch einmal an. Tatsächlich! Er war einer von den übermütigen jungen Männern - und zwar der, über dessen Spruch die anderen so laut gelacht hatten.

„Ja, jetzt erkenne ich Sie.“

Ich nickte Robert beruhigend zu. „Geh schon mal weiter.“

Der junge Mann und ich blieben etwas abseits stehen.

„Ihnen geht es auch nicht gut?“ sagte ich und legte meine Hand auf seinen Arm.

„Ich schlafe seitdem nicht mehr“, sagte er tonlos.

„Verstehe. Vielleicht brauchen Sie Medikamente, damit Sie sich ein bisschen erholen können.“

„Sie verstehen mich falsch“, murmelte er. „Ich will nicht mehr schlafen!!“

„Wie? Sie wollen nicht schlafen?“

 

„Während die Aufzugskabine abstürzte hatte ich ein Erlebnis mit dem ich nicht fertig werde.“

Mir gefror das Blut in den Adern.

„Sie meinen, Sie hatten eine Vision oder Halluzination?“

„Ja, ja“, sagte er hastig. „Woher wissen Sie...? Sie etwa auch?“

Ich nickte.

„Was war es? Bitte reden Sie mit mir. Bitte!“

 Zunächst zögerte ich, dann atmete ich durch: „So ähnlich, als ob ich schon tot wäre, aber dann doch wählen könnte weiter zu leben.“

Es war das erste mal, dass ich es aussprach.

Er rang um Fassung, fast flehentlich fragte er: „War das alles? Gab es noch etwas was Sie gefühlt haben?“

Wieder nickte ich: „Ich hatte das Gefühl, mich für eine Todesart entscheiden zu müssen.“

Mir wurde übel. Es war heute einfach alles zu viel. Ich zog ihn ein paar Meter weiter und setzte mich auf eine Bank.

In den Augen des jungen Mannes stand pures Entsetzen.

„Das gleiche habe ich auch erlebt.“ Sein Körper fing an zu beben.

 

Ich wartete geduldig, bis er sich etwas beruhigt hatte.

Er schaute noch eine Weile auf den Boden, dann sagte er:

„Ich habe mich entschieden im Schlaf sterben zu wollen.“

Ich schüttelte den Kopf, hatte Mühe meine Gedanken zu sortieren. 

Noch immer gingen Trauergäste an uns vorbei, sie musterten uns interessiert. Anscheinend wirkten wir befremdend.  

"Das überfordert mich völlig! Was hat das zu bedeuten?" sagte ich. "Wie kann es sein, dass zwei Menschen in der gleichen Situation die gleiche Halluzination haben?"

"Ich habe schreckliche Angst", flüsterte der junge Mann.

"Hören Sie," sagte ich, "ich muss nachdenken. Wir sollten uns ein anderes Mal unterhalten. Kann ich Sie telefonisch erreichen?"

Er nickte und reichte mir seine Karte.

"Thomas Morscheid", las ich vor.

"Sie können mich Tom nennen. Bitte, Sie melden sich auch ganz bestimmt?"

"Ich heiße Sophie Krönert" stellte ich mich vor. "Sobald ich zu Verstand gekommen bin, rufe ich Sie an."

"Bald?" drängte er.

"Ja, bald," versprach ich.

 

                                                 * * *

Robert und ich wohnen mit den Kindern in einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Vor ein paar Jahren standen die Häuschen für wenig Geld zum Verkauf. Sie waren zu diesem Zeitpunkt nur wenig renoviert und von modernen Standards konnte keine Rede sein.

Äußerst verlockend waren jedoch die recht großen und meist sehr liebevoll angelegten Gärten hinter den Häusern.

Nach und nach erneuerten wir unser kleines Heim. Viel Platz haben wir zwar nicht, aber inzwischen ist es zu einem kleinen Schmuckstück geworden. Angenehm ist auch, dass in der Nachbarschaft ebenfalls viele Familien mit Kindern wohnen, so dass die Siedlung für unsere Kinder eigentlich ein Paradies ist. Zur Schule haben sie es auch nicht weit.

 

Kennen gelernt hatten Robert und ich uns während des Studiums. Nach dem Examen heirateten wir und er fand relativ schnell eine Anstellung in einem renommierten Chemiekonzern, während ich mich, ganz nach traditionellem Rollenbild, der Betreuung unserer Kinder gewidmet habe.

 Als die Kinder tagsüber mehr aus dem Haus waren, bemühte ich mich um eine zusätzliche Beschäftigung, die ich stundenweise ausüben konnte. Nach einigem Suchen entschied ich mich für eine flexible Halbtagsstelle in einer bekannten Geschäftskette, die Elektrogeräte und alle Sorten von Medien verkauft. Flexibel heißt, dass die Möglichkeit besteht, mehr oder aber auch weniger Stunden zu arbeiten, je nach Bedarf im Geschäft oder nach persönlicher Situation.

Anfangs war ich hauptsächlich mit dem Auspacken und Sortieren von Waren beschäftigt, inzwischen bin ich überwiegend in den Verkaufsräumen in der Kundenbetreuung eingesetzt.

Sicher, eigentlich hatte ich mir meine berufliche Karriere etwas anders vorgestellt und von der so genannten „Selbstverwirklichung“ kann absolut keine Rede sein.

Ich finde aber es ist besser, erst einmal eine nahe liegende Chance zu ergreifen, als mit den Händen im Schoß darauf zu warten, dass eines Morgens ein netter, gut gekleideter Herr an der Tür klingelt und sagt:

„Guten Tag. Ich komme von der Zentrale für Selbstverwirklichung und habe hier extra für Sie einen Koffer voll mit köstlichen Angeboten, die ganz genau auf Sie zugeschnitten sind. Sie müssen sich nur noch für eine besonders angenehme persönliche Variante entscheiden....“.  

 Nun ja, dieser kurze Exkurs über meine persönliche Situation sei mir gestattet, um wenigstens einen kleinen Einblick in mein Leben zu geben.

                                       * * *

 

Am Beerdigungsabend saß ich mit Robert in unserem Wohnzimmer.

Nachdem ich mich von Thomas Morscheid auf dem Friedhof verabschiedet hatte und wieder mit Robert zusammengetroffen war, wollte dieser natürlich wissen, wer der fremde junge Mann war und was er von mir gewollt hatte.

„Erzähle ich dir später“, war ich ausgewichen.

 

Jetzt saßen wir also beide in Gedanken versunken zusammen und tranken ein Glas Rotwein.

Irgendwie hatte ich schon das Bedürfnis mit ihm über das zu reden, was mich zusätzlich zu meiner Trauer um Katja noch beschäftigte, aber ich tat mich schwer damit.

„Sag mal“, begann ich, „kannst du dir vorstellen, dass es Ereignisse gibt, die mit gesundem Menschenverstand nicht nachzuvollziehen sind und für die es auch keine wissenschaftlichen Beweise gibt?“

„Du meinst so etwas wie paranormale Phänomene?“

„Ja.“

„Wenn ich ehrlich bin, nicht wirklich. Es gibt Wissenschaftler, die sich mit diesem Bereich ausschließlich beschäftigen und in fast allen Fällen konnten natürliche Erklärungen gefunden werden....“

„Ja, ich weiß“, sagte ich.

„Aber ein interessantes Thema. Warum fragst du?“

„Weil ich etwas erlebt habe, was mich sehr belastet.“

„Hat der junge Mann heute morgen auf der Beerdigung damit zu tun?“

„Auch“, nickte ich und dann erzählte ich ihm von meinem Erlebnis.

 Mhm“, sagte er nach einer Weile. „Wahrscheinlich hat dein Verstand verrückt gespielt, als du dachtest, dass du sterben musst. Interessant ist allerdings, dass dieser Thomas glaubt, etwas Ähnliches erlebt zu haben.“ 

„Das wirft mich auch etwas aus der Bahn.“

„Vielleicht hast du im Aufzug nach dem Unfall laut fantasiert, er hat es mitbekommen und will sich jetzt wichtig machen.“

„Du hast ihn gesehen...er war wirklich sehr verstört – das war nicht gespielt.“

„Oder er hat eine Macke und steigert sich jetzt in diese Geschichte hinein und spinnt sie immer weiter aus.“

„Könnte sein.“

„Überzeugt bist du nicht.“

„Nein.“

 Robert guckte jetzt nicht mehr ernst.

„Erkläre mir aber doch bitte einmal, wie man sich dafür entscheiden kann, zu ertrinken. Das ist doch ein furchtbarer Tod!“

Meine Erklärung war mir ein bisschen peinlich, aber ich versuchte es.

„Du weißt doch, wie gern ich im Meer bade und schwimme. Das Toben durch die Wellen und mächtig hin und her geschleudert werden setzt bei mir anscheinend Endorphine frei. Ich habe mir manchmal Gedanken darüber gemacht, wie es wäre irgendwann von einer Riesenwelle erfasst und mitten im Glücksgefühl ins Jenseits gespült zu werden, und die Vorstellung auf diese Art zu sterben fand ich...... beruhigend?“

 

Robert war nun sichtlich erheitert.

„Ich glaube, vom Sterben in so einem Glücksrausch träumen 98% aller Männer.

Wenn Sie sich allerdings konkret dafür entscheiden müssten, würde die Menschheit aussterben. Wir hätten alle Angst, dass es beim nächsten Mal passiert........"

Jetzt grinste er breit. 

„Bei dir ist es einfach. Wir machen nur noch Urlaub in den Bergen und du wirst steinalt.“

„Ich freue mich, dass ich zu deinem Amüsement beitragen durfte“, sagte ich beleidigt, war aber insgesamt doch ganz froh. Die Unterhaltung hatte mich etwas von dem Grauen befreit und ließ mich die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten.

                                  

                                                     3 

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, zu meinem normalen Leben zurückzukehren und mich im gewohnten Alltag zurecht zu finden. Ich ging wieder arbeiten und versuchte mich zusätzlich durch Aktivitäten abzulenken. So betrieb ich intensiven Hausputz, gönnte mir ein umfangreiches „Beauty-Programm“ und machte Radtouren mit den Kindern.

Im Hinterkopf blieb mir allerdings das Versprechen, das ich diesem Thomas gegeben hatte.

Mich beschäftigte die Frage, ob ich mich mit dieser Geschichte wirklich wieder von neuem belasten sollte, nachdem ich durch eine nüchterne Sichtweise und den gewonnenen Abstand etwas zur Ruhe gekommen war. Andererseits tat er mir leid und schließlich hatte ich ihm mein Wort gegeben.

Nach etwa einer Woche wählte ich seine Telefonnummer.

 

„Thomas Morscheid“, meldete er sich.

„Hallo, hier ist Sophie Krönert, wir hatten auf der Beerdigung meiner Freundin miteinander gesprochen.“

„Ja, ich weiß. Schön, dass Sie sich melden.“

„Wie geht es ihnen?“

Er atmete hörbar durch.

„Noch nicht besser. Und Ihnen?“

„Ich habe mit meinem Mann über alles gesprochen und bin inzwischen ruhiger geworden.“

„Das ist gut.“

Es entstand eine kleine Pause.

Ich versuchte zu trösten. „Vielleicht brauchen Sie auch einfach nur noch ein wenig Zeit, um sich mehr zu beruhigen.“

Wieder eine Pause. 

„Ich hatte sehr gehofft, dass ich mit Ihnen ausführlich über unser Erlebnis sprechen könnte.“

Er atmete erneut durch. „Wissen Sie, es gibt niemandem mit dem ich mich austauschen kann.“

„Was ist denn mit den jungen Männern, die mit Ihnen zusammen im Aufzug waren?“

„Das sind Studenten aus Frankreich, die einige Wochen zu Gast an unserer Uni waren. Sie sind schon am nächsten Tag abgereist und wir haben uns gar nicht mehr gesprochen.“

„Haben Sie den keinen Kontakt mehr?“

„Doch, hauptsächlich über E-Mail. Ich habe auch allen dreien geschrieben, dass es mir nach dem Vorfall nicht gut geht und sie sich bitte bei mir melden sollten. Aber ich habe keine Antwort bekommen......von keinem.“

Ich zögerte.

„Also gut“, sagte ich schließlich. „Haben sie morgen Abend Zeit? Wir könnten uns in einer Pizzeria treffen und dann in Ruhe über alles reden.“

„Ja gern.“

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag in einem kleinen Restaurant in der Innenstadt.

 

Als ich Robert davon erzählte, wurde er ärgerlich. Es passte ihm gar nicht, dass ich mich allein mit einem fremden jungen Mann treffen wollte, der ‚offensichtlich psychopathische Züge hat’, wie er sich ausdrückte.

Nach einigem Hin und Her hatte ich ihn davon überzeugt, dass der junge Mann mir Leid tat und ich das Bedürfnis hatte, ihn wieder ein bisschen aufzubauen. Immerhin hatte unser Aufzugserlebnis uns doch irgendwie verbunden.

 

Gegend Abend des folgenden Tages suchte ich die vereinbarte Pizzeria auf. Thomas Morscheid war schon da, als ich die gemütlich eingerichteten Räumlichkeiten betrat. Er saß etwas abseits und ein Glas Bier stand vor ihm, offensichtlich frisch gezapft. Wir begrüßten uns lächelnd mit Handschlag. Er sah noch genauso krank aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Nachdem ich mich gesetzt hatte, brachte der Ober sofort die Karten, wir wählten zügig und gaben die Bestellung auf.

 

Ich begann die Unterhaltung: „Sie sagten, Sie hätten niemanden mit dem Sie reden können?“

„Ja das stimmt. Meine Mutter ist gestorben als ich vierzehn war. Mein Vater hat kurz danach wieder geheiratet und seitdem sind wir nicht mehr miteinander klar gekommen. Wir haben uns seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen.“

 

„Keine Freunde?“

„Sicher habe ich Freunde. Aber was soll ich denen denn erzählen? Dass ich mich vor kurzem entschieden habe im Schlaf zu sterben und deshalb nur noch stundenweise im Sessel schlafe, wenn mich die Müdigkeit übermannt?“

„Wenn Sie so weitermachen, schlafen Sie am Steuer ein und das war’s dann wirklich“, sagte ich eindringlich.“

Anscheinend hatte er auch keine Freundin. Komisch eigentlich, denn wenn er nicht gerade schwarze Ränder unter den Augen und eine fahle Gesichtsfarbe hatte, sah er recht ansprechend aus.

 

„Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass wir eine Sinnestäuschung erlebt haben“, stieg ich in unser eigentliches Thema ein.

 

Thomas schüttelte den Kopf.

Er zog ein Blatt Papier aus seiner Jackentasche und schob es zu mir rüber:

„Diese E-Mail ist heute Morgen angekommen.“

„Von Ihrem Studienkollegen aus Frankreich?“ fragte ich.

Ich las:

 

hallo tom, sorry, dass ich noch nicht geantwortet habe. ich habe lange nicht in mein postfach geschaut, weil es mir nach dem zwischenfall im aufzug schlecht geht. ich leide unter heftigen panikattacken und bin in psychiatrischer behandlung. zuerst dachte ich, nur ich hätte ein trauma, aber von pierre habe ich erfahren, dass er ähnliche probleme hat. es hat mich schockiert, dass es dir auch schlecht geht. hattest du auch eine todesvision, so wie wir? und was hast du beim absturz gesehen? jaques scheint wie vom erdboden verschluckt. mache mir große sorgen um ihn. ich warte auf deine antwort

paul

 

Ich schob das Blatt zurück.

„Ehrlich gesagt finde ich es schon komisch, dass diese Mail ausgerechnet heute bei Ihnen eintrifft.“ 

„Verstehe“, sagte Thomas, „Sie denken, ich hätte sie selbst geschrieben. Sie glauben also, ich hätte total einen an der Klatsche.“

Über seine Offenheit und seine Ausdrucksweise musste ich lachen.

Dann wurde ich wieder ernst und bat ihn, mir ganz genau zu beschreiben, wie er die Situation während des Absackens im Aufzug erlebt hatte und was er gefühlt hatte.

 

Es war beängstigend.

Alles war ganz genau so wie bei mir gewesen. Auch er hatte sich mitten im Glücksgefühl gegen ein weiteres Versinken gewehrt und fühlte sich dann vor die Entscheidung gestellt, seine Todesart zu wählen, wenn er weiterleben wollte.

„Mhm“, gab ich zu, „fast identisch. Haben Sie sich mal darüber informiert, ob bekannt geworden ist, dass Menschen in ähnlichen Situationen auch solche Wahrnehmungen hatten?“

„Natürlich habe ich schon recherchiert, im Internet und in der Literatur. Es gibt Tausende, die Nahtoderlebnisse schildern – aber keiner berichtet darüber, dass er sich für einen alternativen Tod entscheiden musste.“

 

„Wer weiß, vielleicht löst so ein Absturz eine ganz bestimmte Illusion aus. Vielleicht finden irgendwelche unerforschten biochemischen Prozesse im Gehirn statt........“

 

Thomas blockte ab.

„Zumindest hätte man davon schon einmal gehört. Nach einem Flugzeugabsturz zum Beispiel.“

„Naja, wenn das Flugzeug dann doch abgestürzt ist und keiner das Unglück überlebt hat, ........hehe.......“

Ich fand die Vorstellung jetzt makaber erheiternd und Thomas feixte auch:

„Man stelle sich vor, die Passagiere entscheiden sich weiter zu leben, suchen sich eine andere Todesart aus und dann - --klatsch -- sterben sie doch einfach so weg.“

Kennen Sie das? Man befindet sich in einer Situation, die eigentlich tragisch und überhaupt nicht komisch ist und reagiert die Anspannung ab, indem man immer alberner wird und sich schließlich unweigerlich in einen Lachkrampf hineinsteigert.

So erging es uns jetzt! Wir lachten Tränen.

Es dauerte etwas, bis wir uns wieder beruhigt hatten.

Danach guckten wir ein bisschen ratlos.

Gerade im richtigen Moment kam das bestellte Essen und wir konnten während des Verzehrs erst einmal entspannen.

 

„O.k.“, nahm ich das Gespräch wieder auf. „Gehen wir einmal davon aus, mehrere Menschen hatten im Aufzug wirklich das gleiche Erlebnis. Jeder entschied sich weiterzuleben und jeder suchte sich seine eigene Todesvariante aus.

Offensichtlich hatte meine Freundin Katja aber nicht die Möglichkeit zu wählen! Welcher Sinn soll denn dahinter stecken? Gott? Der Teufel?“

„Ich bin Atheist“, sagte Thomas. „Also fangen Sie jetzt bitte nicht mit diesem Quatsch an.“ Er war richtig verärgert.

„Bitteschön, Sie sind doch derjenige, der felsenfest davon überzeugt ist, dass wir eine übersinnliche Wahrnehmung oder so etwas Ähnliches hatten! Also greifen Sie mich nicht an, wenn ich laut nachdenke und über Lösungsansätze philosophiere!“

Ich wurde auch wütend. Schließlich war ich gekommen um zu trösten und nicht, um mich zu zanken! 

„Entschuldigung.“ Sofort guckte er betreten. „Ich bin etwas unausgeschlafen, erwähnte ich das schon?“

Jetzt musste ich wieder schmunzeln. Irgendwie wuchs mir der Bursche ans Herz.

 

„Was halten Sie davon, wenn wir versuchen herauszubekommen, wie die anderen Menschen im Aufzug die Situation erlebt haben und ob es noch weitere Parallelen gibt? Anhand der Gemeinsamkeiten finden wir vielleicht heraus, welche Ursache die ganze Sache haben könnte."

Thomas nickte: „Finde ich gut. Möglicherweise erhalten wir Gewissheit... in welche Richtung auch immer. Ich werde auch auf jeden Fall mit Paul weiter Kontakt halten, um zu erfahren, wie es bei ihm und den anderen war.“

„Wir sollten uns darüber Gedanken machen, wie wir noch an Informationen über weitere Fahrgäste kommen“, schlug ich vor.

 

Den Rest des Abends verbrachten wir damit, uns genau zu erinnern, wer noch mit in der Aufzugskabine gewesen war und zu überlegen, wie wir die Leute erreichen könnten.

Wir einigten uns darauf, mit dem Aufzugsführer anzufangen. Immerhin hatten wir durch seine Tätigkeit eine konkrete Anlaufstelle und er wusste vielleicht auch, ob die Betreiber des Fernsehturmes noch weitere Daten gespeichert hatten.

Als wir uns dann viel später am Abend verabschiedeten, waren wir beim ‚Du’ und Tom fragte kurz bevor wir uns trennten:

„Sag mal Sophie, für welche Todesart hast du dich eigentlich entschieden?“

„Ertrinken“, sagte ich ... „und frag jetzt bitte nicht warum.“

                                                     

                                       * * *

 

Mir war es ziemlich peinlich, Robert einzugestehen, dass ich mich nun doch wieder auf die 'übersinnliche Ebene' eingelassen hatte und erneut über die versteckte tiefere Bedeutung meines Erlebnisses nachdachte. Deshalb verschwieg ich ihm auch in meinem Bericht über den Verlauf des Abends mit Thomas unseren Entschluss, weitere Recherchen anzustellen. Stattdessen setzte ich hinter unsere angestellten Überlegungen ein großes Fragezeichen und ließ ihn in dem Glauben, dass ich zwar beabsichtigte, mit Thomas weiteren Kontakt zu halten, aber ansonsten die Angelegenheit auf sich beruhen lassen wollte.

 

Es dauerte ein oder zwei Tage bis Thomas mich am Handy anrief. Er erwischte mich während der Arbeit und ich musste erst in den Aufenthaltsraum gehen, um in Ruhe mit ihm sprechen zu können.

„Hoffnungslos“, schimpfte er. „Ich habe mehrmals bei der Parkleitung angerufen und nach dem Aufzugsführer gefragt. Weder Name noch Dienstzeiten sind in Erfahrung zu bringen. Das einzige was ich erreicht habe ist, dass die Leute ärgerlich und misstrauisch wurden.“

„Dann musst du eben persönlich hin und die Mitarbeiter ausfragen“, entschied ich.

„Ich glaube, es ist besser, wenn du das machst. Frauen sind da etwas geschickter.“

„Danke für dein Vertrauen. Aber du glaubst doch wohl nicht, dass ich mich allein wieder in die Nähe dieses Fernsehturmes begebe!“ Ich zog meine Schultern hoch, so unangenehm war die Vorstellung für mich.

„Gut, ich komme mit. Wann?“

„Freitagnachmittag, so gegen 14 Uhr am Eingang?“

„Gut, bis dann.“ 

Ich würde dann also am Freitag meine Gymnastik ausfallen lassen und Robert vorsichtshalber nichts sagen.

                                    * * *

Thomas war wieder überaus pünktlich. Als ich unseren Treffpunkt erreichte, wartete er bereits. Nach einer recht herzlichen Begrüßung schauten wir beide in den Eingangsbereich des Fernsehturms.

Wir warfen uns einen vielsagenden Blick zu.

‚Kein gutes Gefühl!’ bedeutete dieser Blick.

„Sollen wir doch lieber zusammen...?“ fragte Thomas.

„Nein, lass mal“, winkte ich ab. „Warte du erst einmal hier.“

So wie Thomas auf mich bei unserem ersten Zusammentreffen gewirkt hatte, würde er auch bei anderen Menschen wahrscheinlich extremes Misstrauen hervorrufen. Er sah immer noch wie ein Drogenabhängiger aus, grau und krank. Kein Wunder - er schlief zu wenig!

Wie lange hält ein Mensch mit einem Minimum an Schlaf durch, ohne physische oder psychische Schäden davon zu tragen? Ich musste Tom dringend noch einmal warnen.

 

Nun ging ich durch eine große Glastür in den Vorraum.

Es war ein ungutes Gefühl wieder hier zu sein und ich registrierte jede Einzelheit.

Die großen Fenster, die Bilder an den Wänden, das Kassenhäuschen, Sitzgelegenheiten, ein Verkaufskiosk, Toilettentüren, Stellwände mit Informationsmaterial, riesige Pflanzen und zwei Aufzugstüren nebeneinander.

Mehrere Besucher hielten sich in diesem Foyer auf. Einige standen am Kassenhäuschen, andere warteten vor den Aufzügen. Ich drehte mich zu Thomas um, der mir aufmunternd zunickte und steuerte dann auf die Aufzüge zu.

Die Erinnerung war erdrückend.

‚Wenn ich jetzt noch ein bisschen mehr hyperventiliere, kippe ich um und habe meine Ruhe’, dachte ich.

Der Gong ertönte, die Aufzugstüren schwebten lautlos auseinander und eine Gruppe von Menschen kam heraus. Auf dem Hocker an der Tür saß ein junger Mann, also nicht der ältere Herr, den wir suchten. Die Besucher schoben sich in die Kabine, ich blieb an der Aufzugstür stehen.

Der Blick des jungen Mannes war fragend.

„Entschuldigen Sie, ich suche einen älteren Herrn, der hier auch den Aufzug bedient.“

„Kenne ich nicht. Wollen Sie jetzt mit oder nicht?“

„Danke nein“, sagte ich und trat etwas zurück. Die Türen bewegten sich aufeinander zu.

Das war danebengegangen.

Wieder stellten sich Leute vor die Aufzüge und warteten.

Nun ertönte erneut der Gong und die andere Aufzugstür öffnete sich. Hier bediente eine Frau mittleren Alters mit dunkler Hautfarbe, vermutlich indonesischer Herkunft, die Aufzugsknöpfe,

Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. „Entschuldigung, können sie mir weiterhelfen? Wann hat der ältere Herr wieder Dienst? Ich müsste ihn dringend sprechen.“

Die Dame lächelte zurück: „Tut mir leid. Schlecht sprechen und wenig verstehen.“

„Schon O.K., danke.“ Die Türen schlossen sich wieder.

 

Nun gut, es gab ja immer noch das Kassenhäuschen und den Kiosk.

Ich stellte mich an der Kasse an und blickte kurze Zeit später in das gelangweilte, heftig geschminkte Gesicht einer älteren Frau mit schwarz gefärbten, kunstvoll an den Kopf geklebten Haaren.

„Vielleicht können Sie mir helfen“, begann ich. „Wissen Sie, wie der ältere Herr heißt, der hier auch den Aufzugsdienst macht, ....oder wie ich ihn erreichen kann?“

„Nö,“ war die umfassende Antwort und als ich noch zögerte: „Sonst noch was?“

„Danke, sehr liebenswürdig“, sagte ich und drehte mich um.

 

Am Kiosk arbeitete die Zwillingsschwester der Kassiererin, allerdings in hellblonder, aufwendig toupierter Ausführung. Zumindest waren die beiden Damen sich im Hinblick auf Frisurdesign und Makeup sehr einig: Hauptsache schrill!

 

Zu meinem Nachteil hatte diese Dame mich wohl schon die ganze Zeit im Visier gehabt und registriert, dass ich augenscheinlich bei allen ihren Mitarbeitern abgeblitzt war.

Brav und höflich brachte ich ihr gegenüber mein Anliegen vor.

Sie atmete tief ein und blähte sich um ein Mehrfaches auf:

„Hörnsema!“ keifte sie, „watt soll dat Herumgeschnüffel hier! Machense datt se weiterkommen!!!“

Dabei fuchtelte sie mit ihren pinklackierten Fingern Richtung Ausgang.

 

Welch eine Ansammlung zuvorkommender Menschen!

Ich ging hinaus zu Thomas, er schien erheitert.

„Ich habe alles beobachtet. Hat es sich auch so schlimm angehört, wie es ausgesehen hat?“

„Noch schlimmer“, sagte ich, „die Kioskaufseherin hat mir den Rest gegeben. Ich will gehen!“

 

„Vermutlich hat hier nach dem Unfall viel Presse herumgeschnüffelt", überlegte Thomas. „Die Mitarbeiter haben von der Parkleitung sicher strikte Anweisung bekommen, keinerlei Auskünfte zu geben. Deshalb blocken alle ab, die haben Angst, dass die Besucher wegbleiben.“

 

Wir beschlossen einvernehmlich, die Aktion abzubrechen und nach Hause zu fahren. Vorher suchte ich noch schnell die Toilette im Foyer auf.

An einem kleinen Tischchen mit einem Porzellanteller, auf dem sich ein paar Cent befanden, saß eine alte, grauhaarige dicke Frau im hellblauen Kittel.

Während ich mir die Hände wusch sprach sie mich an.

„Wenig zu tun heute.“

„Samstag und Sonntag ist wohl mehr los?“ antwortete ich aus reiner Höflichkeit.

„Ja“, sagte sie, "allerdings haben die Leute nach dem schlimmen Unfall mit dem Aufzug Angst, hoch zu fahren und es ist weniger Betrieb.“

 

Oha, eine Mitarbeiterin, die man beim Erteilen des Sprechverbotes vergessen hatte!!

‚Jetzt oder nie’, dachte ich.

„Ich war auch in dem Aufzug als der Unfall passierte. Die Frau, die gestorben ist war meine Freundin.“

Die alte Frau schaute mich ehrlich mitfühlend an. „Sie Ärmste“, sagte sie, „das ist ja schrecklich.“

„Ja das ist es. ...Hören Sie, ich würde gerne mit dem älteren Herrn, der den Aufzug an diesem Tag bedient hat, sprechen – aber ich weiß nicht wie ich ihn erreichen kann.“

„Sie meinen den Günther - Günther Pofalla, ...jajaaa, sehr traurig!“

„Wieso? Was ist denn mit ihm?“

„Nach dem Unfall ist er wieder arbeiten gekommen. Er hat die ganzen Jahre über sowieso nie krank gefeiert...immer war er pünktlich und zuverlässig. Ein ganz lieber Mann. Aber dann ist er im Aufzug auf einmal vom Hocker gekippt und liegen geblieben. Der Notarzt musste kommen und der Günther wurde mit ‚Tatütata’ ins Krankenhaus gebracht, der arme Kerl.“

Die alte Frau hatte feuchte Augen bekommen und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab. 

Ich legte meine Hand auf ihre Schulter. „Wie geht es ihm denn jetzt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Genaues weiß ich nicht, hab’ aber gehört, dass es um ihn immer noch sehr schlecht steht und er beinahe gestorben wäre. Er liegt im Krankenhaus auf ‚Intensiv’.“

Eine gewisse Unruhe ergriff mich jetzt. Ich fröstelte etwas. Meine Atmung wurde schneller und meine Beine fingen leicht an zu zittern. Das beklemmende Gefühl, dass unsere Geschichte mit diesem Herrn Pofalla eine zusätzliche Brisanz bekam, brachte mich aus dem Gleichgewicht.

„Wissen Sie, in welchem Krankenhaus er liegt?“ fragte ich gespannt und ergänzte: „Ich würde ihn gern besuchen.“

„Städtische Kliniken.“

Ja, das war nahe liegend. Hierhin hatte man mich nach dem Unglück auch gebracht.

„Ob man Sie zu ihm lässt, weiß ich aber nicht!“ wandte die Frau ein. „Ich war auch schon da, vorige Woche. Für mich ist das furchtbar anstrengend, müssen Sie wissen, weil ich gehbehindert bin. Aber ich durfte nicht zu ihm.....er durfte gar keinen Besuch kriegen.“

„Versuchen kann ich es ja trotzdem“, sagte ich. „Hat er Familie?“

Die Toilettenfrau zog die Schultern hoch:“ So viel ich weiß gibt’s nur noch die Hedwig, seine Frau. Sie hatten mal einen Sohn, aber der ist bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. War gerade mal Anfang zwanzig. Damit ist der Günther nie fertig geworden. Jajaaa, .....das Leben ist grausam...... Ich bin auch ganz allein.“

Sie wischte sich wieder über ihre feuchten Augen.

Hilflos und etwas unbeholfen stand ich vor der alten Frau und hätte sie am liebsten in den Arm genommen und gedrückt. Wieder streichelte ich ihr leicht über den Arm.

„Wissen Sie was,“ sagte ich, „ich werde mich nach Herrn Pofalla erkundigen und wenn ich etwas weiß, dann komme ich wieder und berichte ihnen davon. Und wenn er Besuch bekommen darf, dann hole ich Sie ab und wir fahren zusammen zum Krankenhaus. Wie finden Sie das?“

Jetzt lächelte sie mich an. „Sie sind ein guter Mensch, ich würde mich wahnsinnig freuen.“

 

                                                                         

 

                                       4

Dem draußen wartenden Thomas überbrachte ich mit wenigen Sätzen die in Erfahrung gebrachten Informationen. Einen Moment lang standen wir anschließend zögernd am Turm, wandten uns dann aber zum Gehen.

Thomas bat mich, ihn mit dem Auto nach B. mitzunehmen, weil er hier noch mit einem Studienkollegen für eine Klausur arbeiten wollte, er selbst war nicht motorisiert und deshalb mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu unserem Treffen gekommen.

Langsam gingen wir in Richtung Parkplatz während wir uns unterhielten. Unsere Überlegungen drehten sich hauptsächlich darum, wie die Neuigkeiten in unsere bisherigen Schlussfolgerungen einzuordnen wären. Obwohl mich die Nachricht sehr erschreckt und berührt hatte, versuchte ich nun doch mein beklemmendes Gefühl zurückzustellen und Thomas -und letztendlich auch mich selbst- mit logischen Argumenten davon zu überzeugen, dass die schwere Erkrankung des Herrn Pofalla mit unserem Aufzugserlebnis in keinem Zusammenhang stand. Thomas schien jedoch nicht davon überzeugt und zeigte seine Skepsis durch karge Antworten und wiederholtes nachdenkliches Kopfschütteln.

Wir kamen zu meinem kleinen Auto, stiegen ein und ich fuhr über den Zubringer zur Autobahn, die nur wenige Kilometer entfernt war.

„Nehmen wir einmal an, dieser alte Mann hatte ein ähnliches Nahtoderlebnis wie wir und ebenfalls die Möglichkeit, sich zu entscheiden weiter zu leben“, redete ich immer noch auf Thomas ein, „falls er jetzt sterben sollte, wäre das doch der sichere Beweis dafür, dass unsere Ängste unbegründet sind, denn sicher hat er sich nicht gewünscht, nur wenige Wochen später auf der Intensivstation zu liegen und einen schweren, qualvollen Tod zu erleiden.“

„Wir wissen doch gar nicht wie es ihm jetzt geht und was tatsächlich hinter seinem Zusammenbruch steckt“, widersprach Thomas. „Ich habe ein verdammt komisches Gefühl im Bauch. Wahrscheinlich wäre es wirklich gut, wenn du das wahr machst, was du der Toilettenfrau versprochen hast und versuchst Herrn Pofalla zu besuchen und vielleicht sogar mit ihm zu sprechen.“

„Du willst nicht mit?“ fragte ich.

„Nur wenn du es unbedingt willst – ich hasse Krankenhäuser. Übrigens ...ich habe mit Paul telefoniert, meinem Studienfreund aus Frankreich, du erinnerst dich?“

Ich nickte. „Ja natürlich! Jetzt bin ich gespannt!“

„Paul ist immer noch in therapeutischer Behandlung, aber es geht ihm etwas besser. Er hat dem Psychiater erzählt, dass offensichtlich mehrere Personen in der Unfallsituation das gleiche übersinnliche Erlebnis gehabt haben. Der vermutet, dass wir alle in einer Schrecksekunde etwas wahrgenommen haben, was wir zwar verdrängt haben, was aber bei uns zu einer gleich gelagerten Halluzination geführt hat. Es könnte also zum Beispiel sein, dass einer von uns etwas geschrieen hat und durch die Todesangst sind unsere Gehirne wie bei einer Massenhypnose in die gleiche Richtung gesteuert worden.“

 „Das klingt doch irgendwie beruhigend“, grinste ich und schaute zur Seite, „oder was meinst du?“

Thomas grinste auch. „Ein bisschen schon.“

Wir guckten uns einen kurzen Moment an und in diesem Blick waren eine angenehme Vertrautheit und viel Sympathie. Ich richtete meinen Blick wieder auf die Straße und versuchte loszuwerden, was mir schon seit einiger Zeit auf dem Herzen lag:

„Tom, du merkst doch, dass es deinem Kollegen besser geht, weil er sich in Behandlung begeben hat. Meinst du nicht auch, du könntest ärztliche Hilfe gebrauchen? Du bist blass und wirkst krank, übernächtigt und abgezehrt. So kann es doch mit dir nicht weitergehen. Wie überstehst du eigentlich die Vorlesungen an der Uni?“

„Ich kenne jemanden, der besorgt mir etwas ‚Speed’.“

 "Ja, genauso siehst du auch aus!“ schimpfte ich jetzt. „Lass dir doch bitte endlich helfen....!“

„Ich war mit meinem Bericht aus Frankreich noch nicht fertig“, unterbrach Thomas mich. „Pierre scheint es inzwischen auch wieder ganz gut zu gehen, aber Jaques ist immer noch weg.“

„Wie? Weg?“

„Paul sagt, er wäre einfach wie vom Erdboden verschluckt“, erzählte Tom weiter. „Jaques Eltern hätten eine Vermisstenanzeige aufgegeben und er wird überlall gesucht.....“

 

Während unserer letzten Sätze setzte ich zum Überholen eines langen LKWs mit Anhänger an. Die Autobahn war nicht sehr voll und auf der rechten Fahrspur befanden sich die ganze Zeit über nur wenige Autos. Da die dunklere Jahreszeit begonnen hatte, fuhren wir alle mit Licht. Beim Überholvorgang fing der LKW plötzlich an zu hupen, immer wieder und durchdringend.

„Was hat der denn für Probleme?“ sagte ich gerade.... da tauchten vor uns Scheinwerfer aus dem Nichts auf und kamen mit unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu geschossen. Rechts neben mir war der LKW, links die Leitplanke und vor mir der auf uns zu rasende Falschfahrer. Und dann geschah etwas Unfassbares. Nur Bruchteile von Sekunden vor dem Zusammenprall schwenkte das entgegenkommende Fahrzeug - von uns aus gesehen- nach links weg und schoss durch eine höchstens ein paar Meter große Lücke in der Leitplanke auf die andere Autobahnseite zu. Wir hörten Hupen und quietschende Reifen von der anderen Seite....

 Ich hielt das Lenkrad umklammert und schrie hysterisch, Thomas übertönte mich und brüllte: Fahr!!!! Fahr weiter!!!!!!!! Halt das Lenkrad ruhig!!!!!!! Fahr rechts rüber!!!! Rechts rüber!!!! Lenkrad ruhig halten!!!!“

Irgendwie schaffte ich es, am LKW vorbeizukommen und mich wieder rechts einzuordnen.

Ich schrie immer noch die ganze Zeit, immer das gleiche: „Mir wird schlecht!! Ich kann nicht mehr!!!

Und noch einmal hatten wir Glück. Vor uns erschien im Scheinwerferlicht der Hinweis auf einen Parkplatz. Mit letzter Kraft bog ich hier ein und konnte endlich abbremsen.

Ich legte meinen Kopf auf die Hände am Lenkrad und weinte hemmungslos. Thomas sprang wie angestochen aus dem Auto und rannte ein ganzes Stück den Parkplatz hinunter, kam wieder zurück und rannte von neuem los, immer hin und her. Er war völlig außer sich.

 Es dauerte einige Zeit, dann warf er sich wieder in den Autositz und stieß hervor: „Glaubst du’s jetzt? Das ist doch nicht mit rechten Dingen zugegangen! Jetzt haben wir den Beweis! Uns ist nur deshalb nichts passiert, weil unsere Todesart programmiert ist! Ich sterbe im Schlaf und du wirst ertrinken!!! Daran führt kein Weg vorbei.“ 

Meine Schleimhäute im Kopf hatten durch die Heulattacke so viel Flüssigkeit produziert, dass es sich sehr merkwürdig anhörte, als ich Thomas schniefend anbrüllte: „Hör endlich auf mit deiner Herumspinnerei! Du machst mich völlig wahnsinnig! Alles was passiert beziehst du nur noch auf dich und deine Wahnvorstellungen. Von was für Beweisen redest du denn? Mit uns sind noch zig andere Autofahrer diesem Geisterfahrer ausgewichen – aber nein! Bei uns war es ein Wunder!! Halt endlich deine Klappe!“

Ich suchte nach einem Taschentuch.

Anstatt zu antworten sprang Thomas wieder aus dem Auto und rannte wie angestochen vom Parkplatz herunter, über ein Stück Grüngürtel in Richtung Fahrbahn der Autobahn zu. Er kletterte über die Leitplanke, überquerte mit zwei Schritten den Seitenstreifen und lief geradewegs zwischen zwei vorbeifahrenden LKW auf die unterbrochene Mittellinie zu, die die Überholspur von der rechten Fahrspur trennte.

Jetzt riss ich meine Wagentür auf und rannte hinter ihm her. An der Leitplanke blieb ich stehen. Es bot sich ein dramatisches Bild.

Thomas sprang immer wieder von links nach rechts und von rechts nach links über die Mittellinie auf die Fahrbahnen, fuchtelte mit den Armen zum Himmel und schrie unverständlich. Er drehte sich dabei gegen die Fahrtrichtung oder hielt sich die Augen zu. Nur zwischendurch, wenn er die Arme hochriss hörte man: „Ich bin unverwundbar!“ Es war so grotesk, dass es fast lächerlich wirkte.

Die näher kommenden Autos bremsten scharf ab, hupten, wichen aus. Schließlich war es dunkel auf der Straße und man erkannte nur im letzten Moment, dass da ein irre gewordener Lebensmüder auf der Straße herumtanzte.

Hilflos stand ich an der Leitplanke und schrie wieder und wieder seinen Namen.

Erneut tauchten Scheinwerfer auf. Rasch näherte sich das Fahrzeug und beim Näher kommen erkannte man einen weißen PKW. Thomas sprang auf die rechte Fahrspur und stellte sich mit ausgebreiteten Armen dem Wagen entgegen. Offensichtlich reagierte der Fahrer geistesgegenwärtig, denn er bremste ab und wich abrupt nach rechts über den Haltestreifen aus. Dabei kam er der Leitplanke, an der ich stand bedrohlich nahe. Er hupte anschließend eindringlich, hielt aber auch, so wie die vorherigen Autos, nicht an, sondern fuhr langsam weiter. In dieser prekären Situation wäre Anhalten auf dem Seitenstreifen für alle Beteiligten viel zu riskant gewesen.

Genau weiß ich nicht, warum ich in diesem Moment so reagierte - wahrscheinlich war ich mit der Situation komplett überfordert - jedenfalls drehte ich mich um und ging langsam zurück zu meinem Wagen. Dabei hielt ich mir die Ohren zu. Die Vorstellung, Augen- oder Ohrenzeuge einer entsetzlichen Karambolage zu werden und erleben zu müssen, wie Thomas Körper erst durch die Luft flog, dann zerschmettert auf der Fahrbahn lag und wohlmöglich noch überrollt wurde, löste bei mir eine derartige Panik aus, dass ich Mühe hatte, zu atmen. Ich bewegte mich nur noch mechanisch. Trotz der Hände vor den Ohren hörte ich hinter meinem Rücken wieder Hupen und quietschende Bremsen.

Kurz bevor ich mein Auto erreicht hatte wurde ich plötzlich von Thomas eingeholt, der sich mir hysterisch lachend in den Weg stellte. Wieder riss er die Arme hoch und rief: „Ich bin unverwundbar.“

In diesem Moment entlud sich mein ganzes Entsetzen in einer weit ausholenden Handbewegung und in einem mit aller Kraft ausgeführten Schlag mit der flachen Hand in sein Gesicht. Sein Kopf flog zur Seite und er kam durch die unerwartete Heftigkeit so sehr ins Stolpern, dass er auf den Boden fiel. Blut lief ihm aus der Nase. Noch auf dem Boden sitzend wischte er mit der Hand über sein Gesicht und starrte verwundert auf das Blut.

„Das zum Thema unverwundbar“, brachte ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor und ging weiter zum Auto. Ich öffnete die Tür und setzte mich auf den Fahrersitz. Thomas hatte sich aufgerappelt und stieg ebenfalls ein. „Fahr“, sagte er tonlos, „bestimmt ist die Polizei schon unterwegs.“

„Nein“, ich schüttelte den Kopf, „du musst weggesperrt werden. Du bist für jeden eine Gefahr, der mit dir zu tun hat.“

Seine Stimme war flehend: „Bitte. Bitte hilf mir. Bitte!“

Nach kurzem Zögern startete ich den Wagen und fuhr los. Ich weiß, dass ich mich damit nicht korrekt verhalten habe.

Wenige Kilometer nach dem Parkplatz erreichten wir die nächste Ausfahrt und ich verließ die Autobahn. Nach einigen Minuten bog ich in eine Seitenstraße ein und hielt an. Wir hatten während der Fahrt nicht miteinander gesprochen. Ich atmete tief durch und lehnte mich im Sitz zurück. Während ich sprach schaute ich nach vorn.

„Bist du dir eigentlich im Klaren darüber was du gerade getan hast? Du hast andere Menschen in allerhöchste Gefahr gebracht. Hätte auch nur einer der Fahrer nicht richtig reagiert, wäre vielleicht eine ganze Familie zu Tode gekommen. Du wärst schuld daran gewesen, wenn ein Kind schwer verletzt worden wäre und schreckliche Schmerzen gehabt hätte. Oder ein anderes Kind hätte seine Mutter oder seinen Vater verloren. Und warum das Ganze? Weil du durchgedreht bist! Weil du so komplett irre geworden bist, dass du dich nur noch mit dir und deinem Problem beschäftigst und zwar zwanghaft. Du bist gar nicht mehr in der Lage, in der Realität zurechtzukommen. Deine Gedanken kreisen nur noch um deinen Tod. Ich kann und will das nicht mehr miterleben. Ich bringe dich jetzt zu deinem Studienkollegen und danach möchte ich nichts mehr mit dir zu tun haben.“

Thomas saß mit gesenktem Kopf neben mir und antwortete nicht. Er war noch blasser als gewöhnlich und unter seiner Nase und im Wangenbereich war das verschmierte Blut getrocknet.

Ich gab ihm ein Taschentuch. „Mach dir das Gesicht sauber.“

Einige Minuten saßen wir noch schweigend nebeneinander, dann startete ich wieder den Wagen. Den weiteren Weg setze ich über Land- und Nebenstraßen fort, von der Autobahn hatte ich vorerst genug.

Nachdem ich schon einige Zeit gefahren war, drehte ich den Kopf zur Seite und schaute zu Thomas hinüber. Er hatte den Kopf nach hinten gelegt und war eingeschlafen.

 

Während ich mit einer Hand das Auto lenkte, kramte ich mit der anderen in meiner Handtasche nach meinem Handy. Inzwischen war es später geworden als ursprünglich geplant und ich wollte mich zu Hause kurz melden.

„BIN NOCH MIT DEN MÄDELS ESSEN KUSS S.“,

tippte ich als SMS-Nachricht an Robert ein. Es war kein schönes Gefühl ihn zu belügen, aber ich hielt es im Moment weiterhin für besser, ihn mit meinen Eskapaden zu verschonen.

In der Innenstadt von B. stellte ich den Wagen auf einen freien Parkplatz am rechten Rand der mehrspurigen Hauptstraße ab und wandte mich wieder Thomas zu.

Er schlief immer noch tief und fest. Im Schlaf sah er sehr entspannt und noch richtig jung aus, fast kindlich. Sein Mund war leicht geöffnet und er atmete mit leisen Schnarchgeräuschen. Wer weiß wie lange er schon nicht mehr so tief geschlafen hatte? Endlich hatte sein Körper die Gelegenheit gehabt, sich das zu holen, was er brauchte. Der Schock durch den Falschfahrer und, dadurch ausgelöst, sein anschließender totaler Kontrollverlust hatten so an seinen Kräften gezehrt, dass er fast in eine Besinnungslosigkeit gefallen war und nun wie betäubt im Autositz lag.

 

Auch an mir waren die Schrecken der letzten Stunden nicht spurlos vorübergegangen. Ich betrachtete mein Geicht im Rückspiegel: Die Wimperntusche war verschmiert, meine Gesichtsfarbe war blass und ich sah sehr angestrengt und müde aus.

Wie sollte es jetzt weitergehen?

Am sinnvollsten war, ich weckte Thomas, fragte ihn nach dem Weg zu seinem Kollegen und setzte ihn dann ab. Auf ‚Nimmerwiedersehen’! Ende.

Mit der ganzen ‚Aufzugsgeschichte’ würde ich dann schon im Laufe der Zeit mit dem dazugehörigen Abstand fertig werden.

Ich atmete tief ein - ja, das war ein gutes Gefühl.

Endlich Schluss mit den verrückten Gedanken und wieder ganz normal weiterleben! Thomas war nicht gut für mich. Er war krank und brauchte Hilfe, die ich ihm nicht geben konnte. Schließlich hatte ich eine Familie, für die ich da sein musste und wollte. Ich war ja schon vollkommen durcheinander und wusste nicht mehr was Realität und was Einbildung war! Robert hatte vollkommen Recht mit seiner Vermutung, dass Thomas ein Psychopath war....

Vorsichtig berührte ich nun den Schlafenden an der Schulter. „Tom, wach auf, wir sind fast da.“

Keine Reaktion – nur leicht schnarchende Geräusche.

„Thomas!“ versuchte ich es etwas eindringlicher und rüttelte an seinem Arm.

Er bewegte sich nun etwas im Schlaf ,seufzte tief und atmete dabei stoßweise, so wie ein kleines Kind, dass nach langem Weinen endlich eingeschlafen ist.

Es war rührend und es ließ mich nicht kalt.

Mein mitleidiges Herz meldete sich wieder einmal vernehmlich.

‚Nun gut’, dachte ich. ‚Was spricht dagegen, ihn ausschlafen zu lassen? Mein Entschluss, hinter unsere Bekanntschaft einen Schlussstrich zu ziehen muss deshalb ja nicht umgeworfen werden.’

Nach einigem Überlegen fuhr ich kurz entschlossen wieder los und steuerte ein Parkhaus ganz in der Nähe meiner Arbeitsstelle an. Es war eine Parkgarage, die durchgehend geöffnet hatte und wo ich gern meinen Wagen abstellte, weil die Frauenparkplätze komfortabel nahe am Ausgang lagen und von der Glaskabine des Aufsichtspersonals gut einzusehen waren.

Ich parkte also ein, ließ das Seitenfenster einen Spalt offen und stieg aus. Leise schloss ich die Fahrertür und ging zur Aufsichtskabine. Man sah mehrere Monitore, die die insgesamt drei Etagen mit den Stellplätzen überwachten.

Gott sei Dank war ein Mann mittleren Alters im Dienst, mit dem ich schon einige Male nach dem Abstellen meines Autos zwanglos geplaudert hatte.

„Guten Abend“, begrüßte ich ihn so freundlich wie möglich. Er wendete sich von den Monitoren ab und drehte sich zu mir. „Ach, hallo! Die nette Frau mit dem schönen Lächeln..“, flirtete er gut gelaunt.

„Ja“, nickte ich, „genau diese Frau hat heute Abend ein Problem“.

Ich zeigte auf mein abgestelltes Auto, in dem man den schlafenden Thomas deutlich erkennen konnte.

„Aha“, scherzte er, „Sie haben jemanden umgebracht und ich soll die Leiche entsorgen.“

Es fiel mir an diesem Abend ziemlich schwer, mich auf die ‚Humorschiene’ weiter einzulassen, aber ich hielt tapfer durch.

„Fast“, stimmte ich zu. „Er ist ein lang gesuchter Verbrecher, ich bin Kopfgeldjägerin und wenn Sie mir helfen, ihn zum Sheriff zu bringen, gebe ich Ihnen etwas von der Prämie ab.“

„Ha, ha, ha!“ Der Mann lachte laut. „Wenn Sie noch was drauf legen, ziehe ich ihm vorher auch noch was Chices an.“

„Ganz so schlimm ist es natürlich nicht“, versuchte ich zum Kern meines Anliegens zu lenken. „Ich habe eine Bitte an Sie: Der junge Mann in dem Auto hat es bitter nötig sich auszuschlafen, deshalb will ich ihn nicht aufwecken. Es kann sogar sein, dass er mehrere Stunden schläft. Danach wird er vollkommen irritiert sein, weil er nicht weiß wo er ist und wie er hierher gekommen ist. Würden Sie...“

„...den Schlüssel an mich nehmen und dem jungen Mann helfen sich wieder in der Wirklichkeit zurechtzufinden?“ führte er meinen Gedanken zu Ende.

„Genau“, atmete ich auf.

„Sie haben aber auch wirklich ein riesiges Glück, dass ich heute hier die Nachtschicht mache.“

Durch meine tuscheverschmierten Augen strahlte ich den Parkhauswächter an. „Sie sind ein Schatz!“

Ich gab ihm meinen Reserveschlüssel und wir verblieben so, dass er ihn in einen Umschlag mit meinem Namen stecken und ich ihn mir bei nächster Gelegenheit wieder abholen würde.

Für Thomas hinterließ ich noch einen Zettel mit dem Text:

  

Es bleibt dabei, unsere Wege trennen sich wieder ab heute. Alles Gute für Dich! Sophie

 

Die Zeit, in der ich auf das von mir per Handy bestellte Taxi wartete, nutzte ich vor dem Toilettenspiegel der Parkgarage, um mein Gesicht einigermaßen öffentlichkeitstauglich herzurichten und meine Haare in Ordnung zu bringen.

Als ich anschließend auf die Straße trat fuhr das Taxi auch schon vor. 

Von der Innenstadt bis zu uns nach Hause sind es etwa sechs Kilometer, so dass ich nach etwa zwanzig Minuten vor unserem Häuschen stand.

 

Gerade als ich die Haustür aufgeschlossen hatte, kam mir Robert entgegen. Er sah noch wie das Taxi wendete und zurückfuhr.

„Wo ist denn dein Auto?“ fragte er während er die Tür hinter mir schloss.

„Wir haben auf den Geburtstag einer Turnfreundin angestoßen. Deshalb wollte ich nicht mehr fahren und habe es in der Stadt im Parkhaus stehen lassen.“

Schon wieder die Unwahrheit!

Irgendjemand hat einmal gesagt, dass es mit einer Lüge wie mit einem Schneeball ist, den man auf einen verschneiten Abhang wirft – manchmal löst er eine unaufhaltsame Lawine aus. Ich hatte gerade das Gefühl, dass meine Lawine so langsam ins Rutschen geriet.

Anstatt auf meine Erklärung zu reagieren wies Robert mit der Hand in Richtung unseres Wohnzimmers und sagte: „Mark ist da.“

Oh nein! Bitte nicht! Nicht heute! Nicht nachdem was passiert war! Das schaffte ich nicht auch noch! Ich war den Tränen nahe.

Mark war der Mann meiner verstorbenen Freundin Katja. Er war ein guter Freund, ich hatte ihn sehr gern und er war jederzeit herzlich willkommen – nur heute nicht .

Heute konnte ich niemandem mehr Beistand leisten und keinen Trost spenden.

„Oh Gott“, flüsterte ich, „wie unpassend. Ich bin total fertig.“

„Setz dich erst einmal und trink noch ein Gläschen mit uns. Es ist wichtig für Mark“, gab Robert leise zurück.

Er schob wahrscheinlich meine Erschöpfung auf die Gymnastik und den anschließenden Alkoholgenuss. Es gab keine Chance für mich zu entkommen.

Wir gingen ins Wohnzimmer.

Mark saß im Sessel, vor ihm auf dem Couchtisch standen Gläser, eine geöffnete Weinflasche und eine Flasche Bier.

Wir umarmten uns zur Begrüßung, tauschten die üblichen Höflichkeitsformeln aus und ich setzte mich dann neben Robert auf die Couch.

„Wein oder Bier?“ fragte dieser. Gleichgültig für was ich mich jetzt entschied, wahrscheinlich würde ich nach dem ersten Schluck so besinnungslos zusammensacken wie Thomas. Ich zuckte müde die Schultern: „Na gut, ich trinke noch ein winziges Schlückchen Wein.“

Während Robert mir ein Glas holte und den Wein einschüttete drängte er:

„Mark erzähl doch Sophie auch, was du mir gerade erzählt hast.“ Dann schaute er mich ernst und vielsagend an. „Es wird dich erschüttern.“

Was konnte mich heute noch erschüttern? Trotzdem wurde ich unruhig und trank vorsichtshalber sofort einen Schluck Wein.

Mark sah traurig und erschöpft aus, aber das war eigentlich nichts Besonderes nach Katjas Tod. Das Schicksal hatte ihn gezeichnet - vorher war er lebenslustig und voller Energie gewesen.

„Ja“, begann er, „ich habe eigentlich noch mit niemandem darüber gesprochen. Es hat mich innerlich zerrissen und ich brauchte Zeit, um mich jemandem anzuvertrauen. Ihr als unsere besten Freunde“,...er verbesserte sich... „ihr als meine besten Freunde solltet es aber wissen.“

Mir wurde heiß. Gespannt beugte ich mich vor.

„Also“, fuhr er fort, „ich hatte euch erzählt, dass bei Katjas Obduktion eine Herzmuskelentzündung festgestellt wurde, an der sie bei dem Aufzugsabsturz gestorben ist. Das stimmt auch. Aber das ist noch nicht alles. Das Obduktionsergebnis ergab darüber hinaus auch, “...Mark atmete tief ein... „dass sich in Katjas Mundschleimhaut ein so genanntes ‚malignes Melanom’ gebildet hatte. Es ist eine der aggressivsten Krebsarten die es gibt - in kurzer Zeit werden Metastasen in den ganzen Körper gestreut.“ Wieder machte er eine Pause, es fiel ihm schwer zu sprechen.

„Katjas Körper war schon voller Krebs, sie hätte nicht mehr lange gelebt.“

 

Ich starrte zuerst Mark an, dann Robert. Robert nickte und schaute auf den Boden.

Mit einem Schluck leerte ich mein Glas, kippte es wieder voll und trank es hastig aus.

„Hat sie...?“

Mark lehnte sich im Sessel zurück. „Zwei Wochen nach der Beerdigung bin ich zu unserem Zahnarzt gefahren und habe ihm berichtet, dass Katja gestorben ist.

Er war sehr mitfühlend, aber überhaupt nicht überrascht. Erst als ich erzählte, dass sie Opfer eines Unfalls geworden war, war er vollkommen irritiert.

Dann erfuhr ich, dass er bei seiner letzten Behandlung das Melanom entdeckt und sie sofort zu einem Spezialisten überwiesen hatte. Weil ihm der Fall sehr nahe gegangen war, nahm er später Kontakt zu seinem Kollegen auf und erfuhr, dass es für Katja keine Hoffnung mehr gab. Nicht behandelbar, unheilbar – es war schon zu spät.“

Über Marks Gesicht liefen Tränen. „Das schlimmste ist, dass sie niemandem etwas davon gesagt hat. Keiner hat ihr etwas angemerkt....oder war sie irgendwie anders als sonst, Sophie?“ Er schaute mich fragend an.

Ich schlug meine Hände vor mein Gesicht und rieb mit den Fingerspitzen über die Stirn.

„Nein, sie war wie immer.“

Und dann fing mein Körper an zu beben, unkontrolliert und so heftig, dass ich Mühe hatte, das leere Weinglas heil auf dem Tisch abzustellen.

Sie hatte es also gewusst als der Aufzug abstürzte ...

Robert legte den Arm um mich und hielt mich fest bis das Zittern etwas nachließ.

 Mark hatte sich schließlich auch wieder gefasst und berichtete weiter.

„Ich ließ mir die Adresse der Klinik geben, in die Katja überwiesen worden war und sprach mit dem Professor, der sie untersucht hatte. So wie er sagte, hatte sie alle Untersuchungen hinter sich gebracht und dann das Ergebnis mit viel Fassung aufgenommen. Danach war sie nicht wiedergekommen. Er war sehr bestürzt, als er hörte, dass sie bei einem Unglück verstorben ist. ‚So tragisch wie es ist’, sagte er dann, ‚ihr ist viel Leid erspart geblieben.’ Katja hat also einige Tage lang zwischen uns allen mit der Gewissheit gelebt, dass sie bald qualvoll und unter Schmerzen sterben wird und es ganz allein für sich behalten.“

 

Wirre Gedanken fegten mir durch den Kopf.

’Warum hat sie mir etwas vorgespielt? Sie muss doch vollkommen verzweifelt gewesen sein! Warum hat sie sich mir nicht anvertraut?! Stand etwa auch sie beim Absturz der Kabine vor der Wahl, sich für den Tod oder ein Weiterleben zu entscheiden zu müssen? Hatte sie sich dann mit dem Wissen um ihr zukünftiges Schicksal für den Tod entschieden und war deshalb als einzige gestorben?’

Nach dem Unglück im Aufzug hatte mich bisher eine unerklärliche Angst begleitet. Sie war manchmal mehr und manchmal weniger gegenwärtig gewesen - wie ein Seil, das man ständig um den Hals trägt und an das man sich gewöhnt hat.

Dieses Seil war durch die Erlebnisse des heutigen Tages bereits deutlich enger geworden. Nun, nach Marks Bericht, fühlte es sich an, als ob jemand es ruckartig zusammengerissen hätte.

 

Robert bemerkte, dass ich nach Atem rang und stand auf, um das Fenster zu öffnen.

„Wenn ich gewusst hätte, wie sehr dich die Sache mitnimmt, hätte ich es dir besser später einmal erzählt“, sagte er und wandte sich dann Mark zu.

„Aber ich stehe zu dem, was ich dir vorhin schon gesagt habe....Katjas Unfalltod war für uns alle ein entsetzlicher Schock, jedoch für sie war es ein Segen.“

Ich legte den Kopf auf die Rückenlehne des Sofas und versuchte, mich durch tiefe, gleichmäßige Atemzüge zu beruhigen.

Dann erhob ich mich langsam, setzte mich zu Mark auf die Sessellehne und nahm ihn in den Arm. Wir hielten uns einige Zeit fest. „Robert hat Recht“ redete ich ihm leise zu, „sie hätte es sich genau so gewünscht.“

 

Wir saßen noch lange zusammen an diesem Abend, diskutierten über Katjas Verhalten, überlegten, was sie dazu bewogen hatte, ihr schreckliches Wissen für sich zu behalten und stellten Vermutungen an, ob sie nicht vielleicht doch in den folgenden Tagen darüber gesprochen hätte.

Über meine geheimsten Gedanken sprach ich allerdings nicht.

Erstaunlicherweise hielt ich auch diese Anstrengung an diesem Tag noch aus, bis ich dann endlich, nachdem Mark sich sehr spät von uns verabschiedet hatte, völlig erschöpft in mein Bett kroch. In wenigen Sekunden war ich eingeschlafen.

  

 

                                           5

 

Am nächsten Vormittag erwies sich meine Befürchtung beim Betreten des Parkhauses, Thomas noch immer schlafend im Auto vorzufinden, als unbegründet.

So ging ich ganz normal meiner Arbeit nach, litt lediglich aufgrund der Strapazen des Vortages noch etwas unter Kopfschmerzen. Es gelang mir auch recht gut, alles was mich in irgendeiner Weise zu beunruhigen drohte, zunächst konsequent aus meinen Gedanken zu verbannen.

Einige Tage vergingen. Erstaunlicherweise meldete sich Thomas nicht mehr bei mir.

Ich hatte damit gerechnet, dass er zumindest auf ein klärendes Gespräch drängen würde. Offensichtlich war ich jedoch so überzeugend gewesen, dass er es nicht wagte, Kontakt zu mir aufzunehmen. Das in der Parkgarage abgestellte Auto hatte dem vermutlich noch besonderen Nachdruck verliehen.

 

Am darauf folgenden Feitag hatte ich meine Sporttasche im Auto und wollte, wie jeden Freitag, nach der Arbeit zur Gymnastik fahren.

Warum ich letztendlich spontan meinen Vorsatz aufgab und zur Klinik fuhr, in der nach Angaben der Toilettenfrau aus dem Fernsehturm der Aufzugsführer Günther Pofalla liegen sollte, ist schwer nachzuvollziehen. Suchte ich immer noch nach Beweisen, dass alles was passiert war, mit rechten Dingen zugegangen und mit gesundem Menschenverstand rational zu erklären war? Ich denke ja.

 

An der Klinikpforte fragte ich, wo ich Herrn Pofalla finden könnte und wurde zur entsprechenden Station geschickt. Er lag also immer noch hier, war aber, so wie es aussah, von der Intensivstation in ein normales Krankenzimmer verlegt worden.

Das war gut - denn wenn es ihm wieder besser ging und wir uns in Ruhe unterhalten konnten, erleichterte dies meine Nachforschungen um einiges.

 

 Vor der Krankenzimmertür besann ich mich einen Moment, holte dann tief Luft und klopfte vorsichtig an. Als von innen keine Reaktion zu vernehmen war, öffnete ich behutsam die Tür, zunächst einen Spalt, dann so weit, dass ich eintreten konnte. Ein Gemisch aus Desinfektionsmittel und typischem Medizingeruch zog in meine Nase. Der kleine Raum war hell gestrichen, mit einem großen Fenster direkt gegenüber der Tür. Mitten im Zimmer, mit der Kopfseite nach links, stand ein Krankenbett und davor ein Nachtschränkchen aus weißem Kunststoff mit Griffen und Rändern aus Chrom. Eine schmale Glasvase, verziert durch eine rote Rose, schmückte das Nachtschränkchen, diverse Pflegeartikel lagen daneben. Im Bett lag ein sehr blasser alter Mann mit schütteren, ordentlich aus dem Gesicht gekämmten, schneeweißen Haaren, er trug einen blaugrau gestreiften Schlafanzug. Der Mann lag ganz flach auf dem Rücken mit dem Gesicht und dem Blick zur Decke gerichtet, seine etwas knollige und großporige Nase stach markant hervor. Die weiß-gelblichen und etwas angeschwollenen Hände lagen auf der sorgfältig glatt gezogenen Bettdecke. Ein Handrücken war mit Pflastern verklebt, aus denen ein durchsichtiger schmaler Schlauch hervorkam, der nach oben mit einer an einem Gestell befindlichen Infusionsflasche verbunden war. Am Gestell war auch ein kleiner Beutel befestigt, dessen Schlauch seitwärts unter der Bettdecke verschwand. An der vorderen Seite des Bettes hingen unten am Rahmen zwei durchsichtige Plastiktüten, mit undefinierbaren und sehr unappetitlich aussehenden Flüssigkeiten gefüllt. Auf der Seite des Bettes, die zum Fenster zeigte, saß, mit dem Gesicht in meine Richtung, eine weißhaarige, etwas pummelige, gepflegt wirkende, ältere Dame. Sie trug eine hellgrüne Bluse mit einer farblich dazu passenden Weste darüber, in etwas dunklerem Grün. Ihre gold umrandete Brille saß merkwürdig schief auf ihrer Nase, die Augen waren geschlossen. Eine ihrer Hände lag auf dem freien Handgelenk des Mannes, die andere ruhte auf einem Buch, dass ihr offensichtlich auf den Schoß geglitten war, wahrscheinlich weil sie beim Lesen oder Vorlesen eingeschlummert war.

Ich blieb an der Tür stehen, nahm das traurige und doch so friedliche Bild in mir auf und wagte nicht, mich zu bewegen, aus Angst, diese Ruhe zu stören. Leise schloss ich schließlich die Tür und bewegte mich vorsichtig auf Zehenspitzen durch den Raum auf die Beiden zu. Auf dem Griff am Fußende des Krankenbettes war ein kleines Schild unter einer Plexiglasverkleidung angebracht, darauf stand ‚GÜNTHER POFALLA’

Eine Weile zögerte ich noch, dann räusperte ich mich leise und flüsterte: „Herr Pofalla?“

Der kranke Mann zeigte keine Reaktion, sein Blick blieb unbeirrt an die Decke gerichtet, nicht die geringste Augenbewegung deutete darauf hin, dass er mich wahrgenommen hatte. Ich versuchte es noch einmal ein wenig lauter: „Herr Pofalla?“

Jetzt bewegte sich die ältere Dame, schlug die Augen auf und zuckte bei meinem Anblick so zusammen, dass ihr das Buch von den Knien rutschte.

Ich verging fast vor Mitleid. „Oh entschuldigen Sie vielmals, ich wollte sie nicht erschrecken, es tut mir schrecklich leid...“.

Die Dame schüttelte den Kopf, lächelte milde und hüstelte mehrmals bevor sie sprach.

„Ach was, ich bin einfach zu schreckhaft. Außerdem muss man ja auch nicht am helllichten Tag schlafen, oder?“

Dabei strahlten ihre Augen so viel Güte und Freundlichkeit aus, dass es mir warm ums Herz wurde.

Ich machte ein paar Schritte auf die nette Dame zu und stellte mich vor.

„Sophie Krönert und Sie sind sicher...?“

Sie nickte.

„Ja, ich bin Frau Pofalla. Und Sie wollen meinen Mann besuchen? Das ist aber nett. Woher kennen Sie ihn?“

Sie zeigte noch einmal ihr hinreißendes ‚Altedamenlächeln’.

Mein Blick fiel wieder auf den Kranken – er signalisierte immer noch nicht, dass er mich registriert oder das Gespräch zwischen uns Frauen zur Kenntnis genommen hatte.

Frau Pofalla hatte meinen Blick aufgefangen.

„Ja, so liegt er da, seit seinem Schlaganfall. Anfangs ging es ihm so schlecht, dass er auf der Intensivstation liegen musste und an viele Apparate angeschlossen war. Dann haben die Ärzte gesagt, es geht ihm besser und man kann die Geräte abschalten. Er kann sich nicht bewegen, wegen dem Schlaganfall. Sie haben gesagt, er kriegt aber alles mit. In ein paar Tagen darf ich ihn mit nach Hause nehmen, weil er ein Pflegefall ist, er soll hier nur noch ein wenig stabilisiert werden. Etwas Sorgen mach ich mir, wie das mit der Magensonde klappen soll, aber das sehen wir dann ja. Sogar ein Spezialbett bekommt er. Ich bin schon dabei, Zuhause alles vorzubereiten, damit ich es ihm auch wirklich schön machen kann und er sich wohl fühlt.“

Sie wandte sich ihrem Mann zu, sprach etwas lauter und streichelte seine Hand.

„Wir schaffen das schon, nicht wahr Günther, das wäre doch gelacht, wenn du nicht wieder auf die Beine kommst.“

Wieder zu mir gewandt flüsterte sie: „Es besteht praktisch keine Hoffnung, dass er sich jemals wieder bewegen kann, ....nicht mal ein kleines bisschen. Ich weiß noch nicht einmal, ob er mich wirklich hören oder verstehen kann.“

Nun war ihr Blick unendlich traurig und mein Herz verkrampfte sich vor Mitgefühl.

Eine Weile sprachen wir nicht, ich stand immer noch vor ihr und sie saß immer noch auf ihrem Stuhl am Krankenbett, das heruntergerutschte Buch lag halb unter dem Bett. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, sie sprang plötzlich auf.

„Oh, ich bin so unhöflich. Was plappere ich denn einfach so drauflos? Wollen Sie sich nicht setzen?“

Während sie durch das Zimmer lief, mir einen zweiten Stuhl neben ihren ans Bett schob, nach dem Buch angelte und sich am Waschbecken im Wandschrank zu schaffen machte, redete sie laut und etwas hektisch weiter.

„Wir freuen uns immer so, wenn wir Besuch bekommen. In den letzten Jahren haben wir nicht mehr viele Kontakte zu Verwandten und Freunden. Viele sind schon gestorben – oder man verliert sich aus den Augen. Tja so ist das wohl, wenn man älter wird.“

Endlich blieb sie stehen und ihr liebes Gesicht strahlte wieder vor Freundlichkeit.

„Ach, ich rede schon wieder die ganze Zeit und lasse sie gar nicht zu Wort kommen. Jetzt erzählen sie mir erst einmal, woher Sie meinen Mann kennen.“

Sie fasste an die Lehne des Stuhles als einladende und auffordernde Geste, mich hinzusetzen.

Wie so häufig in letzter Zeit befand ich mich in einer Situation, die ich mir ursprünglich anders vorgestellt hatte und in der ich mich erst einmal zurechtfinden musste.

Etwas umständlich knöpfte ich meine Jacke auf, hängte meine Handtasche an die Stuhllehne, setzte ich mich dann, rückte meinen Stuhl so zur Seite, dass ich Frau Pofalla direkt ins Gesicht schauen konnte und begann dann zu sprechen.

„Also eigentlich kennen Ihr Mann und ich uns nicht wirklich,... so richtig, meine ich. Wir haben uns nur einmal kurz gesehen – und zwar bei dem Unfall mit dem Aufzug im Fernsehturm...“

Ich stockte kurz, aber als ich sah, dass mir meine Gesprächspartnerin aufmunternd zunickte und mich mit ihren gütigen Augen in gespannter Erwartung anschaute, fuhr ich fort. Sie hörte mir sehr aufmerksam zu und zeigte durch ihre Mimik oder kleine Ausrufe des Erstaunens ihr wirkliches Interesse. Ihre einfühlsame Art erleichterte es mir zunehmend, zu sprechen und es tat mir unendlich gut, die Erlebnisse aus meiner Sicht darstellen zu können, ohne Angst zu haben, mich rechtfertigen zu müssen, oder für verrückt gehalten zu werden.

„...ja und jetzt bin ich hier und wollte eigentlich mit Ihrem Mann über seine Wahrnehmung in der Unfallsituation sprechen.“

Frau Pofalla schaute mich eine ganze Weile mit weit geöffneten Augen an, sie rührte sich nicht und ich wagte nicht, sie in ihren Gedanken zu stören.

„Unglaublich“, murmelte sie nach einer unendlich langen Zeit. Endlich wandte sie den Blick von mir ab und betrachtete ihren reglos vor uns liegenden Mann. Sie schüttelte den Kopf.

„Es ist danach so viel passiert, ...der Schlaganfall, die Angst und die Sorge um ihn - den Unfall im Fernsehturm hatte ich schon fast ganz verdrängt. Es ging ihm ja auch ganz gut danach...“

Es fiel mir schwer, meine Unruhe und meine Neugierde aus Höflichkeit nicht zu sehr zu zeigen.

„Was hat er Ihnen denn davon erzählt?“

„Ja, also, zunächst hatte ich einen riesigen Schreck bekommen, denn er wurde am gleichen Tag noch von einem Notarztwagen nach Hause gebracht, in Polizeibegleitung. Es schellte an unserer Tür und als ich öffnete stand Günther vor mir, gestützt von einem Sanitäter und hinter ihm stand ein Polizist. Bevor ich mich richtig aufregen konnte, hat Günther mich schon in den Arm genommen und gesagt: ‚Alles halb so wild mein Schatz, es sieht schlimmer aus als es ist.’ Und dann wurde er ins Wohnzimmer geführt und setzte sich auf die Couch. Und die beiden Begleiter blieben stehen, obwohl ich ihnen auch Platz anbot. Und dann berichtete Günther von dem Unfall und davon, dass er selbst anscheinend mit dem Schrecken davongekommen war, aber dass es anderen wohl sehr schlecht ergangen sei. Er erzählte auch, dass eine junge Frau an einem Herzschlag gestorben war und einige andere Personen ins Krankenhaus mussten. Ich regte mich so auf, dass ich weinen musste und der Sanitäter fragte, ob er einen Arzt rufen sollte oder ob ich eine Beruhigungstablette brauchte, aber dann ging es mir wieder besser. Der Polizist hat Günther noch ein paar Fragen gestellt und sich einige Notizen zum Unfallhergang gemacht. Und dann mussten wir den beiden Begleitern versprechen, dass wir sofort den Notarzt rufen, wenn es uns schlecht geht und dann sind sie gegangen. Nette junge Männer waren das.“

Sie schwieg einen Moment und schaute dann wieder zu ihrem Mann.

„Ja, so war das. Es ging ihm wirklich gut danach, er hatte keinerlei Beschwerden und nach einiger Zeit ist er ja auch schon wieder arbeiten gegangen. Für ihn war das wohl alles keine große Sache.“

„Und er hat nicht mit Ihnen darüber gesprochen, dass er etwas Außergewöhnliches erlebt oder gefühlt hat?“

Nachdenklich blickte sie mich an, dann verneinte sie.

„Nein, nicht mit einem Wort, obwohl ich immer wieder nachgefragt habe und alles ganz genau wissen wollte.“

Wieder entstand eine Gedankenpause zwischen uns.

Dann lachte sie leise auf.

„Abends, als wir im Bett lagen, nahm er mich ganz lieb in den Arm. ‚Siehste Hedwig’, ‚mich wirste nicht los. Ich verspreche dir, dass ich immer bei dir bleibe, bis es nicht mehr geht.’ Und als ich sagte: ‚Ja, aber das kannst du mir doch gar nicht versprechen, das können wir uns doch leider nicht selbst aussuchen’, sagte er: ‚Ich schon! Ich habe nämlich beschlossen, dass ich so lange lebe, bis ich mir selbst meine alte Mauser Automatic an den Kopf halte und abdrücke.’ Sie müssen wissen, seine alte ‚Mauser Automatic’ hat er als Junge von seinem Vater geschenkt bekommen, als der Krieg vorbei ...“

Offensichtlich spiegelte sich in meinem Gesicht das wider, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, denn Frau Pofalla hörte mitten im Satz auf zu reden.

Irritiert schaute sie mich an.

„Das hat er gesagt?“ Meine Stimme klang ungewollt ganz heiser.

In diesem Moment wurde unsere Aufmerksamkeit auf Herrn Pofalla gelenkt, der plötzlich röchelnde Atemgeräusche von sich gab.

Frau Pofalla erhob sich so hastig von ihrem Stuhl, dass dieser nach hinten kippte und mit der Lehne an der Wand hängen blieb, sie beugte sich über ihren Mann.

„Günther, mein Gott...!“ Hilfe suchend schaute sie mich an. „Was hat das zu bedeuten?“

Ich war auch erschrocken. Dann berührte ich sie am Arm und zeigte auf Herrn Pofallas Hand, an der die Infusion befestigt war. Fast unmerklich, aber doch eindeutig zu erkennen, zitterte diese Hand, während die andere weiterhin unbewegt und leblos auf der Bettdecke lag. Frau Pofalla registrierte das Zittern ebenfalls und reagierte mit einem Aufschrei. Sie drückte den Notknopf und rief immer wieder den Namen ihres Mannes.

„Günther, ..... Günther was ist mit dir?“

Herr Pofallas Atem ging weiterhin stoßweise rasselnd und eine Hand bebte leicht.

War das Zufall? Oder wollte er uns etwas sagen? Ich versuchte nun auch, ihn anzusprechen.

„Herr Pofalla, “ rief ich, „haben Sie gehört, worüber ich mit Ihrer Frau gesprochen habe? Sind Sie deshalb so unruhig?“

Frau Pofalla geriet außer sich.

„Was reden sie denn da? Sehen Sie denn nicht, dass es ihm schlecht geht?“

Ich ließ mich nicht beirren.

„Herr Pofalla!! Haben Sie sich auch wie wir im Aufzug für eine Todesart entschieden? Haben Sie sich entschieden, sich zu erschießen?“

Die alte Dame versuchte mit ihrem ganzen Körper mich vom Bett Ihres Mannes wegzudrängen und ich wich einen Schritt zurück.

„Oh mein Gott, Frau Pofalla, sehen Sie nur!“

Auf beiden Augen des alten Mannes, die weiterhin nach oben an die Decke gerichtet waren, hatte sich so viel Tränenflüssigkeit gesammelt, dass rechts und links aus den Augenwinkeln schmale kleine Rinnsale auf das Kopfkissen liefen.

Es war eindeutig: Er weinte!

Die Zimmertür wurde aufgerissen und eine Krankenschwester trat ein. Sie nahm den röchelnden Patienten wahr und bewegte sich sofort schneller auf das Bett zu. Der erste Griff ging zum Puls, anschließend legte sie ihre Hand auf seine Stirn.

„Herr Pofalla?“ Ihre Stimme wurde lauter. „Herr Pofalla?“ Jetzt rief sie.

„Herr Pofalla, wenn sie mich verstehen, dann schließen Sie die Augen kurz. Haben sie mich verstanden? Schließen sie bitte kurz die Augen, Herr Pofalla!“

Die Augenlider des alten Mannes bewegten sich wenig, aber doch erkennbar flatternd, dann senkten sie sich einen Moment, beide Auge waren eine Sekunde geschlossen und öffneten sich dann wieder langsam und flackernd.

Frau Pofalla schrie förmlich den Namen ihres Mannes. „Günther!!“

Die Krankenschwester signalisierte ihr mit einem missbilligenden Blick, dass sie sich ruhig verhalten solle.

Nun sprach sie den alten Mann wieder an.

„Herr Pofalla, wenn sie können, bewegen sie bitte Ihre rechte Hand!“

Wir schauten gespannt auf die zitternde Hand. Sie bewegte sich nicht wirklich, aber das Beben nahm deutlich zu.

Die Krankenschwester hob den Blick in meine Richtung.

„Bitte warten Sie vor der Tür, wir müssen einige Untersuchungen vornehmen.“

Bedrückt ging ich aus dem Zimmer und lehnte mich draußen an die Wand des Flures. Kurz danach näherte sich eine zweite Schwester der Zimmertür, neben der ich stand, verschwand im Zimmer, kam wieder heraus und lief eilig in die andere Richtung. Nach wenigen Augenblicken kehrte sie schnellen Schrittes in Begleitung eines älteren Herrn im weißen Kittel, scheinbar ein Arzt, wieder zurück und beide verschwanden erneut hinter der Tür.

Leise und kaum merklich wurde nach einigen Minuten von innen die Klinke heruntergedrückt und Frau Pofalla betrat ebenfalls den Flur. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und sie tupfte sich mit einem zusammengeknüllten Papiertaschentuch immer wieder über ihre Wangen und ihre Augen.

Ich wäre am liebsten im Boden versunken.

„Es tut mir so schrecklich leid, Frau Pofalla.....“, wollte ich meine Entschuldigungsansprache beginnen, aber sie unterbrach mich mit einer abwehrenden Handbewegung. Es dauerte einen kleinen Moment, bis sie sich gefasst hatte und sich zu mir drehte. Ihre Augen waren geschwollen und gerötet.

„Nein, ich muss mich entschuldigen. Ich war so barsch zu Ihnen – ich habe völlig die Kontrolle verloren. Sie müssen wissen, es war das erste Mal seit seinem Schlaganfall, dass so etwas passiert ist. Er war bisher völlig teilnahmslos. Und heute?!...Zuerst dachte ich, er stirbt, aber er war nur furchtbar unruhig, er hat sogar richtig geweint!“

Sie rang um Fassung. Mit besorgten Augen blickte sie mich an.

„Sollte es wirklich so sein, dass er zugehört hat und dass unser Gespräch ihn so aufgeregt hat? Hat er vielleicht auch tatsächlich die gleiche Erfahrung im Aufzug gemacht wie Sie und die jungen Männer?“

Ich senkte den Kopf und blickte auf den grauen Fliesenboden. Es war schon ein merkwürdiger Zufall, dass Herr Pofalla ausgerechnet nach unserem Gespräch erstmalig wieder Reaktionen gezeigt hatte!

"Schon möglich“, nickte ich nachdenklich.

„Die Ärzte haben ja immer gesagt, sein EEG wäre fast in Ordnung und es wäre zu vermuten, dass er alles mitbekommt, was um ihn herum passiert und ich sollte viel mit ihm reden.“

Meine Güte, welch grausame Vorstellung! Ein gesunder Verstand - einbetoniert in einen totengleichen Körper!! Was mag in dem armen alten Mann vorgehen?

Wir standen beide, in Gedanken versunken nebeneinander, ohne miteinander zu reden. Einige Besucher gingen an uns vorbei. Mehrere Mitarbeiter des Krankenhauses liefen geschäftig über den langen Flur. Niemand beachtete uns.

Nach einer ganzen Weile wurde die Tür von innen geöffnet und der im Türrahmen stehen bleibende Arzt sagte:

„Sie können wieder hereinkommen.“

Fragend blickte ich zu Frau Pofalla und sie nickte mir zu. „Kommen Sie ruhig mit.“

Wir traten ein. Der Doktor und die beiden Krankenschwestern standen neben dem Krankenbett.

„Jaaaa, Frau Pofalla, “ begann er „wir haben heute tatsächlich das erste mal die Möglichkeit gehabt, mit Ihrem Mann zu kommunizieren. Er gibt Zeichen mit seinen Augen. Das ist ein immenser Fortschritt für ihn und ehrlich gesagt, haben wir nicht gewagt, darauf zu hoffen, dass dies eintreten würde.“ Der Mediziner machte eine kurze Gedankenpause, mit einem aufmunternden Lächeln fuhr er fort.

„Gab es ein besonderes Ereignis, das diese Entwicklung in Gang gebracht hat? Hat es mit der jungen Dame hier zu tun?“ Fragend schaute er zu mir hinüber.

Ich zog unsicher die Schultern hoch. „Vielleicht“, sagte ich.

„Naja, auf jeden Fall werden wir unsere Untersuchungen so schnell wie möglich fortsetzen. In Anbetracht der Tatsache, dass er auch offensichtlich etwas Gespür in seiner rechten Hand hat, wird sofort eine gezielte ‚Reha’ verordnet. Wir dürfen zwar keine Wunder erwarten, aber selbst eine minimale Steigerung seiner sensomotorischen Fähigkeiten wäre schon ein toller Erfolg.“ Erneut lächelte er Frau Pofalla zuversichtlich an. Dann ergriff er zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war, ihre Hand.

„Alles Gute, wir sehen uns in Kürze.“

Mir nickte er noch einmal zu und dann verließ das Team den Raum.

Sofort beeilte sich die alte Frau zum Bett ihres Mannes zu kommen. Liebevoll streichelte sie sein Gesicht.

„Günther, ich bin so froh!“

Herrn Pofallas Augen senkten sich.

„Haben Sie das gesehen Frau Sophie“...,jubilierte sie, und vor Freude hatte sie meinen Nachnamen vergessen, „er spricht mit mir!!“ Sie kam auf mich zu, schlang ihre Arme um mich und drückte mich ganz fest an sich. Da sie um einiges kleiner war als ich, lag ihr Kopf auf meiner Brust.

Manchmal reicht ein Wimpernschlag, um einen Menschen unendlich glücklich zu machen. Leider vergessen wir das häufig im Alltagsbetrieb.

Ich strich ihr sanft über den Rücken. Als sie schließlich zu mir hoch schaute waren ihre Augen wieder feucht.

„Ich bin Ihnen so dankbar! Wenn Sie nicht gekommen wären, vielleicht hätte er weiterhin teilnahmslos da gelegen.“

„Ja, vielleicht“, wiederholte ich meine Worte von vorhin.

„Frau Pofalla, ich lasse sie jetzt mit Ihrem Mann allein...“

„Aber bitte, bleiben Sie doch noch!“ Fast flehentlich bat sie mich und ich bedauerte, ihr diesen Wunsch nicht zu erfüllen.

„Meine Familie wartet Zuhause auf mich, aber Sie können sich darauf verlassen, dass ich mich bald wieder melde. Schließlich habe ich ja auch der Toilettenfrau, Frau Krause, versprochen, mit ihr zu Besuch zu kommen. Ganz bestimmt breche ich mein Versprechen nicht!“

Ich kramte in meiner Handtasche und schrieb auf einen Einkaufszettel meine Handynummer und meinen Namen.

„Hier können Sie mich jederzeit erreichen. Wenn es Ihnen recht ist, schreibe ich mir auch Ihre private Telefonnummer auf und rufe Sie in Kürze an. Sollen wir das so machen?“

Sie strahlte mich an.

„Ja gerne.“

Wir verabschiedeten uns, als ob wir uns schon eine Ewigkeit kennen würden. Tief bewegt machte ich mich auf den Weg zum Parkplatz.

Nebenbei bemerkt: ich mied, wie schon auf dem Hinweg, den Krankenhausaufzug und bevorzugte die körperliche Ertüchtigung durch die Treppe. Ehrlich gesagt - seit dem Unfall war ich bisher immer Treppen geklettert und hatte einen großen Bogen um Aufzüge gemacht. 

 

An meinem Auto erwartete mich eine Überraschung.

„Das glaube ich ja jetzt wohl nicht!“, brachte ich nur unfreundlich hervor.

Da stand doch tatsächlich Thomas neben einem anderen jungen Mann und grinste mich unsicher an!

„Ich wusste, dass ich dich heute hier treffe“ erklärte er schlicht, ohne sich durch meine ablehnende Haltung beirren zu lassen.

Ganz schön schlau, das Bürschchen! Er hatte vorausgesehen, dass mir die Angelegenheit mit Herrn Pofalla keine Ruhe lassen würde und weil ich am letzten Freitag die Gymnastik geschwänzt hatte, um mit ihm am Fernsehturm zu recherchieren, musste er heute nur nachsehen, ob mein Auto auf dem Parkplatz des Krankenhauses stand.

Ich keifte los.

„Ach, wieder Lust auf ein Kamikaze-Ballett auf der Autobahn?“ ... und mit einem Seitenblick auf den anderen jungen Mann... „dieses mal vielleicht sogar ein ‚Pas de deux’?“

Thomas feixte.

„Dein Sarkasmus hat mir so gefehlt.“

Etwas widerwillig musste ich mir eingestehen, dass meine Wut auf ihn verraucht war. Ich freute mich insgeheim sogar, ihn wieder zu sehen. Aber das musste er ja nicht wissen! Also blieb ich kühl.

„Gut - nachdem wir jetzt die nötigen Liebenswürdigkeiten ausgetauscht haben – was willst du?“

Thomas wies auf den neben ihn stehenden jungen Mann.

„Jangschub wollte dich kennen lernen.“

Ich schenkte meine Aufmerksamkeit erstmalig seiner etwas merkwürdig anmutenden Begleitung.

Die Person war etwas kleiner als Thomas, extrem schlank und hatte den Kopf komplett kahl rasiert. Anhand des dunklen Schimmers der nachwachsenden Haare war zu vermuten, dass er ursprünglich fast schwarze Haare gehabt hatte. Er trug ein dunkel orange-farbenes, weites Hemd aus Leinen, eher eine Art Kittel. Auch seine lange, ebenfalls weite, Hose hatte eine Leinenstruktur, die Farbe wich aber in ein etwas dunkleres Rot ab. Obwohl es schon ziemlich kühl war, trug er offene Schuhe, Sandalen, und keine Strümpfe. Er hatte sehr große, wache, dunkle Augen und für einen Mann ungewöhnlich lange schwarze Wimpern. Aufmerksam und abwartend schaute er mich an. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich diesen jungen Mann kannte - konnte mich jedoch nicht erinnern, woher.

„Aha“, sagte ich also nur.

Nun sprach dieser Paradiesvogel, mit leichtem Akzent.

„Thomas `at mir soviel von Dir erzählt...“

Er duzte mich einfach!

„...dass ich den Wunsch geäußert `abe, dich kennen zu lernen.“

Ich schaute kurz zu Thomas.

„Ist das so?“

„Du erkennst mich nicht?“ fuhr der andere fort.

Ich schüttelte den Kopf. „Nö.“

Thomas und er wechselten einen Blick.

Ja, und dann kam meine Erinnerung doch wieder. Er war einer der Franzosen, die Thomas am Unglückstag im Aufzug begleitet hatten! Durch seine merkwürdige Verkleidung hatte er sich derart verändert, dass er kaum wieder zu erkennen war.

Damals war er ganz normal angezogen gewesen und hatte dichte schwarze Locken gehabt. Jangschub? Hatten die jungen Männer nicht normale französische Namen gehabt?

„Bist du vielleicht Paul?“ fragte ich.

„Non, ich bin Jaques.“

Ich vergewisserte mich. „Der verschollene Jaques, der, um den sich alle große Sorgen gemacht haben?“

„Ja, ich war einige Zeit auf Reisen.“

Eine sehr simple Erklärung dafür, dass man über Wochen wie vom Erdboden verschluckt ist! Sehr sympathisch war mir das Kerlchen nicht.

„Normalerweise verabschiedet man sich von seiner Familie und seinen Freunden, wenn man auf Reisen geht.“

„Ich musste dem Ruf meiner inneren Stimme folgen und `atte keine Zeit für Erklärungen“, antwortete er höflich und gelassen.

„Soso und deine innere Stimme hat dich jetzt zurück nach Deutschland geführt?“

„So ist es. Ich `abe gespürt, dass Thomas meine `ilfe braucht.“

„Hat die Stimme dir auch gesagt, dass Thomas sich und andere Menschen in Lebensgefahr gebracht und mich fast in den Wahnsinn getrieben hat?“

Thomas mischte sich ein. „Bitte Sophie – ich weiß, dass du sehr ärgerlich über mich bist. Und das mit Recht! Aber bitte, lass uns noch einmal über alles reden und hör dir an, was Jangschub zu sagen hat.“     

Ich wollte immer noch nicht freundlich sein.

 "Ja, wie denn jetzt? Jaques oder Jangschub?“  

Geduldig senkte der kahlköpfige, orange-rote Mann den Kopf und erwiderte:

„Jangschub, wenn ich bitten darf. Thomas `at mir alles erzählt, auch, dass du im Moment der wichtigste Mensch für ihn bist.“

 

Tief und vernehmlich atmete ich ein und dann sehr langsam und mit vorgeschobenen Lippen wieder aus. „Also gut, ich gebe euch fünfzehn Minuten, wenn ihr mich dann nicht überzeugt habt, bin ich weg. Ich bin sowieso schon spät dran.“

„Cafeteria?“ schlug Thomas vor. Sein Gesicht strahlte förmlich vor Freude und Erleichterung.

Die Cafeteria des Krankenhauses wirkte modern, aber etwas nüchtern. Große, bodentiefe Fenster ließen den Blick ins Grüne frei. Direkt am Eingangsbereich rechts befand sich eine lange Theke, zur Selbstbedienung vorgesehen. Das Mobiliar bestand hauptsächlich aus gebürstetem Edelstahl und machte durch seine Linienführung einen futuristischen Eindruck, fast wie in einer Raumstation.

Wir begaben uns zur Selbstbedienungstheke.

„Du trinkst doch sicher nur abgestandenes Wasser“, wandte ich mich an Jangschub.Ich konnte es einfach nicht lassen. Thomas schaltete sich schnell ein. „Setzt euch schon, ich lade euch ein.“

„Du weißt aber doch gar nicht was wir wollen!“ So schnell gab ich mich nicht friedfertig!

Thomas ließ sich nicht irritieren, treuherzig schaute er mich an und fragte galant:

„Liebste Sophie, womit darf ich dich verwöhnen?“

Mit einer abwehrenden Handbewegung drehte ich mich zur Seite und begab mich zum nächstgelegenen Tisch. Der Raum war spärlich besetzt. Einige Leute musterten neugierig unseren auffällig gekleideten Begleiter, der mir kurz danach, zusammen mit dem mit einem Tablett beladenen Thomas, folgte. Wir sortierten zwei Kaffeetassen, eine Teetasse sowie diverses Zucker- und Milchzubehör zwischen uns und tranken zunächst schweigend. Abwartend schaute ich Jangschub an, als er sich nicht äußerte hob ich auffordernd die Augenbrauen.

„Wir durften etwas Wunderbares erleben“, begann er schließlich, „etwas, was wahrscheinlich noch nie jemandem vor`er widerfahren ist. Offensichtlich waren wir alle in einer Zwischenwelt, unser Geist hat sich vom Körper befreit und so weit entfernt, dass wir völlig unab`ängig wurden. Wir trieben im Nichts, nicht mehr lebendig, aber auch nicht tot. Unsere Seelen schwebten in einer gigantischen Wolke des Glücks.....“

Während seiner Schilderung spürte ich etwas widerwillig, dass Jangschubs Worte mich berührten. Das Glücksgefühl, das mich damals durchströmte hatte, war so mächtig und unglaublich gewesen, dass es für jemanden, der nicht dabei war, nur schwer nachvollziehbar zu beschreiben ist, die Kraft von Worten reicht nicht aus. Vielleicht gibt es diesen Zustand bei gewissen Drogen - was auch erklären würde, warum manche Menschen sich bis zur Selbstzerstörung immer wieder diesem Gefühl aussetzen.

„....Ein ähnliches Empfinden wurde ja schon ´äufiger von Menschen beschrieben, die man wiederbelebt ´at, aber bei uns geschah etwas weitaus Tiefgreifenderes,....“

Jangschubs Gesicht wirkte verklärt, seine großen, dunklen Augen schienen weit entrückt und in eine andere Welt zu blicken....

„...wir wurden von einer unge´euerlichen und unbekannten Macht zurückgerufen, die uns zu einer Entscheidung zwang. Und wir ´aben uns entschieden zurückzukehren und unser Leben neu zu gestalten mit der Gewissheit, dass wir irgendwann auf eine Art und Weise sterben werden, die wir uns selbst ausgewählt haben.“

Bis dahin konnte ich seinen Gedankengängen folgen, er versuchte das Geschehene mit Übersinnlichem zu erklären, und bewegte sich dabei im Bereich von Glaubens- oder Religionsfragen. Aber in letzter Konsequenz waren seine Schlussfolgerungen noch nicht logisch: Warum mussten - oder durften - wir, je nach Sichtweise, diese Entscheidung treffen?

Thomas hing an Jangschubs Lippen.

War er nicht derjenige gewesen, der mich ziemlich unwirsch darauf hingewiesen hatte, dass solcherart Erklärungsversuche für ihn als Atheisten völlig unsinnig sind? Kopfschüttelnd schaute ich von einem zum anderen.

„Und welcher tiefere Sinn soll deiner Meinung nach dahinter stecken?“

„Wir sind auserwählt“, fuhr Jangschub fort. „Wir wurden ausgesucht, um dieser großen Macht- ich vermeide bewusst den Begriff Gott, weil er mir zu einfach, zu selbstverständlich erscheint- zu zeigen, dass die Menschheit so weit ist, ihr Leben endlich selbstbestimmt zu leben und nicht willkürlich Opfer eines ihr unbekannten und vor´erbestimmten Schicksals sein muss. Verstehst du denn nicht – wenn wir diese Prüfung beste´en wird allen Menschen etwas ganz Großes widerfahren!! Wir stehen vor einem Umbruch, kurz vor dem Ziel zur Vollkommenheit! Der Mensch ist dann nicht mehr nur eine willkürliche Zusammensetzung aus biologischen Zellen mit DNA-Informationen, Genen, Bedürfnissen und Gefühlen, er ist tatsächlich eins in Körper und Geist. Wir befinden uns an der Schwelle zur Klärung aller unbeantworteter Fragen nach dem Sinn des Lebens: In allen Religionen wird von der Vorbereitung auf das Paradies, das Nirwana, den Garten Eden durch unser menschliches Dasein geschrieben. Wenn wir unsere Aufgabe bestehen wird für alle Menschen bereits das irdische Leben im Paradies oder Nirwana stattfinden.“

Ich schaute wieder von einem zum anderen, verschränkte meine Arme und sagte nur: „Aha.“ Und nachdem ich eine Weile geschwiegen hatte:

„Na dann wollen wir mal feste hoffen, dass wir unsere Aufgabe auch schaffen.“

Jetzt schaltete Thomas sich ein. „Sophie, Jangschub hat lange meditiert...“

„Ja, dann“, nickte ich unbeeindruckt.

„...Amerikanische Forscher haben herausgefunden“, fuhr er unbeirrt fort, „dass Menschen, die in ihrem Leben viel meditiert haben, Gehirn-Veränderungen aufweisen. Tibetanische Mönche haben sich zum Beispiel durch Meditation Mitgefühl und Güte antrainiert. Wissenschaftler der Universität Wisconsin in Madison führten diese Studie durch, bei denen sechzehn Mönche aus Tibet in einen Kernspintomograph gelegt wurden. Ihre Hirnregionen, die für die Emotionen zuständig sind, waren stark verändert. Man verglich dies mit 32 Leuten, die erst zwei Wochen vor der Untersuchung das Meditieren erlernten. Beide Gruppen hörten im Kernspin Geräusche, die Emotionen weckten. Bei beiden Gruppen schlug das Limbische System an, bei den Mönchen aber viel stärker als bei der Kontrollgruppe. Jangschub ist also wahrscheinlich in der Lage, durch seine meditative Bewusstseinserweiterung Dinge und Zusammenhänge zu erkennen, von denen wir keine Ahnung haben.“

„Das mit der Gehirn-Veränderung kann ich mir schon vorstellen“, bemerkte ich sarkastisch, „denn offensichtlich ist er nicht mehr ganz richtig im Kopf!“

Das meinte ich ernst! Auserwählte! So etwas Albernes hatte ich schon lange nicht mehr gehört.

Jangschub lächelte wieder nachsichtig.„Ich `abe mich nach Tibet zurückgezogen, weil ich mit dem Erlebten nicht zurechtkam. Zunächst versuchte ich noch mein normales Leben weiterzuführen, jedoch war ich von einer großen Unruhe erfasst, die es nicht erlaubte, mich der Trivialität der alltäglichen Aufgaben zu widmen. Nach wenigen Tagen beschloss ich mein ursprüngliches Dasein aufzugeben und mich auf die Suche nach Antworten zu begeben. Dabei folgte ich nur meiner inneren Stimme und wurde von Tibet magisch angezogen. `ier fand ich auch andere Menschen, die sich, wie ich, von ihren alten Zwängen befreit hatten und nach Antworten suchten. Schließlich erreichte ich ein kleines Kloster in den Bergen. Unter Anleitung von Dekyi Lama, meinem Lehrer, lernte ich die Lehre Buddhas kennen und erreichte die ersten Stufen der Erkenntnis.

Die Essenz der Lehre Buddhas ist Meditation, ohne sie macht die Lehre keinen Sinn. Das Ziel ist Erleuchtung und diese kann nur über Meditation erreicht werden. Gutes sinnvolles Verhalten alleine oder Wissen alleine sind nichts Besonderes, sie führen nicht zur wirklichen Offenbarung.

Während einer meiner Meditationen sah ich unsere Gruppe aus dem Aufzug. Ich erlebte die schrecklichen Sekunden noch einmal, nun aber als Beobachter. Wir waren, während wir abstürzten, in strahlendes, überirdisches Licht getaucht, dann löste sich der Aufzug im Nebel auf und wir schwebten im Nichts, so wie wir es alle damals empfunden hatten. Der gleißende Nebel dehnte sich immer weiter aus, bis mich die Strahlen erreichten. Es war gewaltsam und es schmerzte und genau in diesem Augenblick drang die Erkenntnis wie Blitz in mich ein. Mein Körper bebte und konnte der außerirdischen Kraft kaum standhalten, es war als ob er drohte auseinander zu bersten, aber ich sah, `örte und spürte die Botschaft.“

Erschöpft hielt er inne. Er hatte zuletzt eindringlich, leise und bestimmt gesprochen.

Wir schwiegen einige Minuten. Ich fixierte ihn lange. „Wie viele Joints hattest Du vorher geraucht?“

Jangschub schüttelte den Kopf. „Ich nehme keine Drogen - das `abe ich noch nie gemacht und das würde ich auch nie tun.“

Thomas ereiferte sich: „Was soll das? Warum bist du so unhöflich zu ihm? Du versuchst doch nur dich durch deine beißende Ironie vor seinen Gedankengängen zu schützen! Weil sie dich ängstigen und du sie deshalb nicht in deine Überlegungen mit einbeziehen willst! Gib’s doch zu, dass du genauso wie er nach Antworten suchst, denn unser Erlebnis ist nicht mit Pragmatismus zu klären, auch wenn du es nicht wahr haben willst.“

„Stimmt“, sagte ich, „ich suche auch nach Erklärungen. Das heißt aber nicht, dass ich nach jeder noch so absurden Begründung greife - wie eine Ertrinkende nach einem Strohhalm. Apropos Ertrinken...“ wandte ich mich an Jangschub, „für welche Todesart hast du dich eigentlich entschieden?“

„Ich werde nur mit der Kraft meines Willens sterben.“

„Darunter kann ich mir nichts vorstellen“, - wieder irritierte er mich, „das musst du mir genauer erklären.“

„Schon seit einigen Jahren fasziniert mich altasiatische Kultur-Literatur. Bei meiner Lektüre bin ich auf die Lebensweise von daoistischen Mönchen gestoßen, die im 5. und 6. Jahrhundert nach Christus eine Art der Selbstmumifizierung praktizierten, um auf diese Weise den höchsten Grad der Vollkommenheit zu erreichen und ihren Körper als unzerstörtes Mahnmal der Nachwelt zu er`alten. Dabei wurde die Ernährung umgestellt und körperliche Vorgänge konnten durch Meditationstechniken kontrolliert werden. Ähnliches habe ich auch über japanische Mönche gelesen. Der Gedanke `at mir seitdem keine Ruhe gelassen! Man stelle sich das vor: Vollkommene Freiheit bei der Entscheidung des Todeszeitpunktes! ...“

„Es sei denn du bekommst vorher einen Herzinfarkt oder wirst überraschend vom Auto überfahren“, fiel ich ihm ins Wort.

Thomas verdrehte die Augen. Jangschub zeigte wieder sein bereits vertrautes, nachsichtiges Lächeln und hob vielsagend die Augenbrauen. 

„Das wird mir jetzt nicht mehr passieren, denn ich habe mich im Aufzug entschieden, auf diese Weise zu sterben.“

„Du willst dich selbst mumifizieren?“ vergewisserte ich mich den Kopf nach vorn schiebend.

 

„So ist es. Auch tibetanischen Mönchen sind diese Praktiken bekannt, und ich werde mich bis zu dieser Stufe vervollkommnen. Mein Lama wird mich darin bestärken und trainieren. Wir `aben stundenlange Gespräche über meine Wahrnehmungen und diese Gedanken geführt. Er war es auch, der mir den Namen ‚Jangschub’ vorschlug, was so viel heißt wie ‚vollkommen geläutert’.“

 

Allein die Vorstellung, dass es Menschen gab – oder vielleicht noch gibt -, die so lange meditierten, bis sie mumifiziert waren, jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken und - nun auch noch mit einer der Spezies am Tisch zu sitzen , die daran arbeitete, diese Praxis zu beherrschen, um sie eines Tages tatsächlich anzuwenden,- löste eine leichte Übelkeit bei mir aus; abgesehen davon, dass ‚der vollkommen Geläuterte’ versuchte, sich, Thomas und mich als einen Kreis von Auserwählten darzustellen, die die Menschheit ins Nirwana führen sollten.

„Ich glaube ich gehe jetzt“, äußerte ich deshalb spontan und wahrscheinlich für meine Gesprächspartner komplett unerwartet.

„Warte doch noch“, bat Thomas. „Du hast uns noch nicht berichtet, was du über Herrn Pofalla in Erfahrung bringen konntest!“

Zum wiederholten Male sah ich auf die Uhr, es war schon wieder viel zu spät! Andererseits kam es jetzt auch nicht mehr auf die paar Minuten länger an, und weil ich glaubte, die beiden jungen Männer hätten zugegebenermaßen ein Recht darauf, meine neuesten Informationen zu erhalten, begann ich zu erzählen. Ich startete aber nicht sofort mit Herrn Pofalla, sondern zunächst an dem Zeitpunkt, als ich in der letzten Woche nach Hause gekommen war und von der Krankheit meiner Freundin erfahren hatte.

„..naja und als ich zu meinem Auto gehen wollte, traf ich euch auf dem Parkplatz“, endete mein Bericht.

Nun schaute ich in zwei bleiche, entsetzte Gesichter. Thomas dunkle Augenringe stachen aus seinem Gesicht hervor wie wulstige, schwarze Astlöcher an einer weißen Birke und selbst Jangschub hatte offensichtlich seine intensiv antrainierte Gelassenheit verloren. Thomas fand als erster seine Sprache wieder.

„Ich weiß nicht, was ich bizarrer finden soll: die Entscheidung deiner Freundin für den Tod, weil sie von ihrer unheilbaren Krankheit wusste, oder die Tatsache, dass deine Anwesenheit und deine Ausführungen Herrn Pofalla in seinem Koma erreicht und so aufgeregt haben, dass er zurückgeholt wurde.“

„Es spricht alles nur noch mehr dafür,“ ergänzte nun Jangschub, „dass etwas Großes im Gange ist.“

 

Ehrlich gesagt hatte ja auch ich nach den Vorfällen der letzten Zeit immer wieder Probleme gehabt, die Dinge nüchtern zu sehen und rational zu erklären, so dass mich die Worte der beiden wieder in die mir bereits wohlbekannte Unruhe versetzten, die ich eigentlich nicht mehr spüren wollte. Ich legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Struktur der Deckenplatten.

„Vielleicht macht es tatsächlich Sinn, “ unterbrach Jangschub meine Gedankengänge, „sich auf die Suche nach den anderen Aufzugsmitfahrern zu machen. Je vielschichtiger ihre Einsichten und Erfahrungen sind, um so e`er lässt sich unser gemeinsamer Auftrag erkennen.“

 

Wut stieg in mir hoch. Ich wurde nicht laut, aber die Antwort kam sehr scharf über meine Lippen: „Wenn du nicht sofort mit diesem schwachsinnigen Gerede von dem großen Auftrag aufhörst, weigere ich mich auch nur noch einen einzigen Gedanken mit dir auszutauschen! Und bevor du dich wieder einmischst“...ich fixierte Thomas kurz, „das gleiche gilt auch für dich!“

Beide jungen Männer kniffen, wie verabredet, die Lippen zusammen, was sie, ohne es selbst zu bemerken, wie ertappte Schüler aussehen ließ. Trotz des Ärgers und der Ernsthaftigkeit, die ich in diesem Moment empfand, registrierte ich die Komik der Situation. Jetzt hob Thomas auch noch den Zeigefinger, so dass es aussah, als melde er sich in der Schule, und als ich dies mit einem Lächeln, das ich nicht mehr unterdrücken konnte, registrierte, wagte er wieder sich vorsichtig zu äußern. „Aber du und ich hatten doch auch schon darüber nachgedacht, nach den Anderen zu suchen...“.

Ich nickte. „Solange es darum geht, Fakten zu sammeln, bin ich mit im Boot,“ und an Jangschub gewandt... „meinst du denn, dass du es schaffst, etwas neutraler zu recherchieren und auch andere Erklärungsversuche zuzulassen, anstatt alles aus deiner ‚Auserwählten-Theorie’ abzuleiten?“

„Ja, ja natürlich“, sagte er etwas fahrig und ich war nicht wirklich davon überzeugt, dass er tatsächlich für mich berechenbar sein würde.

„Immerhin wissen wir bereits von den Wahrnehmungen einiger Beteiligter“ setzte ich unser Gespräch trotzdem so normal wie möglich fort, „…. wie viele fehlen uns eigentlich noch und wie könnten wir in Kontakt zu ihnen kommen?“

Thomas schürzte seine Lippen und schaute angestrengt nachdenkend aus dem Fenster, Jangschub starrte geradeaus an mir vorbei und reagierte scheinbar gar nicht auf meine Frage.

Nach langen Sekunden des Schweigens begann ich aufzuzählen: „Aufzugsführer Herr Pofalla, wir drei, meine Freundin Katja, eure Studienkollegen Pierre und Paul, eine ältere Dame mit einem Kind, wahrscheinlich ihr Enkelkind, zwei junge Pärchen, ein älteres Paar … fehlt noch jemand?“

Hilfesuchend wandte ich mich an meine Begleiter und während Thomas den Blick wieder auf mich gerichtet hatte, starrte Jangschub weiterhin ins Leere. Seine Augen waren jedoch nun weit aufgerissen und schienen etwas glasig, das Gesicht wirkte merkwürdig maskenhaft unbewegt und deutlich blasser als vorher.

„War meine Frage so schwierig oder guckst du immer so, wenn du nachdenkst?“ versuchte ich Jangschub aus seiner Starre zu lösen. Da von ihm aber immer noch keine Reaktion kam, erfasste mich nun doch eine gewisse Unruhe. „Thomas, was ist mit ihm?“

Indem Thomas seine flache Hand vor den ausdruckslosen Augen seines Freundes hin und her bewegte, murmelte er verschwörerisch grinsend: „Vermutlich so eine Art Spontanmeditation, eine Vorübung zur Selbstmumifizierung oder - er ist in Kontakt mit den Geistern von toten Mönchen getreten.“

„Lass den Quatsch…“, wollte ich gerade sagen, da stöhnte Jangschub laut auf, das Gesicht verzerrte sich und er zog den Kopf weit nach hinten. Dann bäumte er sich mit unnatürlich durchgedrücktem Rücken auf und, zunächst noch durch den Stuhl abgestützt, begannen seine Gliedmaßen unkontrolliert zu zucken, und zwar so heftig, dass der Stuhl schließlich wegrutschte und der versteifte Körper mit einem unangenehmen krachenden Geräusch auf den Steinboden prallte. Er landete auf seiner linken Seite, in der Verkrampfung wirkte die Gestalt durch die Beugung nach hinten sichelförmig.

Die Zuckungen hatten eine beängstigende Heftigkeit erreicht, er röchelte.

Thomas war aufgesprungen, hatte sich über ihn gebeugt und versuchte mit seinen Händen das heftige Schlagen des Kopfes auf den Boden abzufangen und dadurch zu mildern. Aus einer Platzwunde an der Stirn blutete es stark, das Blut verteilte sich bereits auf dem Fußboden. Andere Gäste des Krankenhauscafés waren durch den Lärm aufmerksam geworden und ebenfalls aufgestanden - eine herbeigeeilte Servicekraft rief lauthals nach einem Arzt, bevor sie zur Wand neben der Theke lief und wiederholt heftig auf einen runden Schalter drückte, offensichtlich ein Alarmknopf. Aus Jangschubs Mund kamen gurgelnde Geräusche, etwas Schaum hatte sich auf seinen Lippen gebildet. Sein Gesicht hatte eine wächsern-gelbliche Farbe angenommen. Das Röcheln wurde nun immer lauter, unerträglich nahezu und dann… verstummte es plötzlich! Der Körper verharrte gleichbleibend in seiner Zwangshaltung und die Atmung schien vollkommen eingestellt, die Augen waren geschlossen.

„Hilfe, wir brauchen Hilfe!“ Thomas schrie fast hysterisch. „Holt doch endlich Hilfe!“

Die Eingangstür zur Cafeteria wurde aufgerissen und ein junger Mann in grüner OP-Kleidung eilte herein. Er beugte sich über Jangschub, prüfte den Puls und kontrollierte die Augenreflexe und rannte dann sofort wieder aus dem Raum.

Jetzt ließ die Spannung in Jangschubs Körper plötzlich nach und seine Gliedmaßen schienen erschlafft. Thomas blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Er atmet nicht mehr!“ stieß er hervor

Es dauerte nur wenige Augenblicke und der junge Mann kam in Begleitung von drei Helfern, zwei Männern und einer Frau, zurück, sie führten eine Trage und medizinische Geräte mit sich, die Frau zog sofort eine Spritze auf.

„Bitte räumen Sie den Raum“, rief der junge Mann in der OP-Kleidung, offensichtlich der verantwortliche Arzt. Die beiden anderen Männer, die weiße Anzüge trugen, verliehen der Aufforderung des Arztes durch heftiges Winken mit den Armen Nachdruck und schoben uns zusammen mit den anderen Cafeteria-Gästen aus dem Raum.

Ich ließ mich auf die nächste Besucherbank im Foyer fallen und versuchte das Zittern meiner Beine unter Kontrolle zu bekommen. Thomas lief vor mir auf und ab und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Da ich bekanntermaßen schon einmal erlebt hatte, wie schnell er überreagiert und die Kontrolle verliert, beobachtete ich ihn zutiefst beunruhigt.

Ich hob beide Hände und machte eine beschwichtigende Geste.

„Nun warte doch erst einmal ab...“

Gleichzeitig begann ich wieder mit meinem Schicksal zu hadern, das mich in der letzten Zeit immer wieder verstärkt in solch dramatische Situationen gebracht hatte. Noch hatte ich den Besuch bei Herrn Pofalla und seiner Frau nicht ganz verdaut – da passierte schon das nächste alarmierende Ereignis. Am liebsten wäre ich aufgestanden und nach Hause gefahren.

Thomas wurde immer hektischer in seinen Bewegungen und riss mich aus meinem Selbstmitleid. Er begann laut zu jammern.

„Oh mein Gott wie schrecklich! Was hat das alles nur zu bedeuten? Was hat das Schicksal nur mit uns vor? Wir sind verflucht! Er wird sterben ...“

Ich atmete durch, stand langsam auf und stellte mich ihm in den Weg.

„Bleib ganz ruhig“, sagte ich eindringlich, „wenn unsere Vermutungen stimmen, dann kann er jetzt ja gar nicht sterben - er hat sich doch für eine andere Todesart entschieden!!“

Thomas stoppte abrupt. Er starrte mich an und aus seinen Augen sprach eine Mischung aus Entsetzen und Faszination. Durch seine Reaktion erst registrierte ich, dass ich etwas sehr Brisantes getan hatte: Zum ersten Mal hatte ich zugegeben in Erwägung zu ziehen, unsere Mutmaßungen hinsichtlich der Bedeutung des Aufzugsunfalls könnten tatsächlich die gefürchtete und beklemmende Wahrheit beinhalten. Er sprach den Satz unerwartet leise und sehr gefasst aus:

„Du glaubst es also auch.“

Ich blickte zu Boden und war weder in der Lage zuzustimmen noch zu verneinen.

Wir waren in einer sehr prekären Situation; einerseits waren wir in großer Sorge um Jangschub, der scheinbar tatsächlich gerade mit dem Tod kämpfte und es wäre ganz schrecklich, wenn er in diesen Minuten sein Leben verlieren würde, andererseits würde sein Tod all unsere Befürchtungen ad absurdum führen und wir hätten für unser zukünftiges Leben die berechtigte Hoffnung, dass alles wieder in normalen Bahnen verlaufen könnte.

Ich hob den Blick und sah Thomas an, dass er in diesem Augenblick die gleichen Gedanken hatte wie ich. Er setzte sich zu mir auf die Krankenhausbank und wir schwiegen beide.

 

Die Türen zur Cafeteria waren geschlossen und durch das Milchglas konnte man nicht sehen, was sich dahinter abspielte. Die meisten Besucher hatten sich längst zerstreut, eine Gruppe stand noch in einigem Abstand von uns und diskutierte augenscheinlich mit betroffenen Minen das gerade Erlebte.

 

 

Wir empfanden die Zeit des Wartens als endlos lang und ich könnte heute anhand meines Zeitgefühls nicht mehr sagen, ob es nur wenige Minuten oder Stunden gedauert hat, bis sich die Doppeltüren aus Milchglas öffneten und Jangschub auf einer Bahre liegend ins Foyer geschoben wurde. Er war mit einem weißen Laken zugedeckt und ich nahm zur Kenntnis, dass man das Tuch nicht über sein Gesicht gezogen hatte, seine Augen waren geschlossen. Die vorher gelblich-wächserne Hautfarbe hatte sich nun wieder in eine normale Blässe verwandelt. Die zwei Männer schoben ihn in Richtung Aufzug, wobei einer von ihnen eine Infusionsflasche hoch hielt, deren Schläuche unter dem Laken verschwanden. Der Arzt und die Frau im weißen Kittel standen vor dem Eingang der Cafeteria und sprachen miteinander.

Wir gingen auf sie zu.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Thomas“, „wir sind Freunde des jungen Mannes, den Sie gerade behandelt haben. Sind Sie so freundlich und sagen uns, wie es ihm geht und was mit ihm passiert ist?“

Der Arzt wechselte einen kurzen Blick mit seiner Begleiterin und sie ging dann zu den mit Jangschub noch vor dem Aufzug wartenden Männern.

„Wir sind uns nicht ganz sicher wie es dazu gekommen ist, aber Ihr Freund hatte einen lebensbedrohlichen Krampfanfall, der zu einer Atemlähmung geführt hat. Er war in einer sehr dramatischen Lage und wir mussten ihn, wie Sie wahrscheinlich mitbekommen haben, an Ort und Stelle reanimieren. Wir behalten ihn jetzt erst einmal unter Aufsicht und forschen nach Ursachen. Ist Ihnen bekannt, ob er bereits vorher schon unter Krampfanfällen gelitten hat?“

Thomas zog ratlos die Schultern hoch und ich schüttelte nur den Kopf.

„Nun ja“, fuhr er fort, „wir werden sehen. Zunächst legen wir ihn auf unsere Intensivstation und beobachten ihn. Im Moment ist er noch nicht ansprechbar – das wird sich aber erfahrungsgemäß in den nächsten Tagen geben, vorausgesetzt natürlich, dass er sich wieder erholt. Kommen Sie am besten morgen wieder, dann wissen wir mehr. Melden Sie sich aber bitte jetzt am Empfang, damit wir die Daten aufnehmen und die Angehörigen verständigen können.“

„Die Angehörigen kenne ich gar nicht“, sagte Thomas etwas hilflos, „er ist Franzose ...“

Der Arzt schien gereizt. „Auch das noch. Na dann geben Sie wenigstens das an, was Sie wissen.“ Dann wandte er sich grußlos um und eilte davon.

Wir verharrten noch einen Moment etwas ratlos und gingen schließlich langsam auf den Empfang zu.

„Du, Thomas,“ ich legte meine Hand auf seinen Arm, „ich möchte jetzt nach Hause, die Formalitäten erledigst Du sicher kurz allein.“

Aus seinen müden Augen traf mich ein kummervoller Blick, so wie der eines von seinem Besitzer an einen Baum gebundenen und dann verlassenen Hundes. „Du wirst mich doch wohl jetzt nicht allein lassen!?“

Ich seufzte tief und gab auf. Schon in Ordnung...warum sollte ich auch zur Ruhe kommen?

 

Die Formalitäten waren relativ zügig erledigt. Allzu viele Angaben konnten wir zu Jangschub nicht machen - wussten wir doch noch nicht einmal genau, wo er jetzt lebte und ob und wie er versichert war. Damit die Komplikationen sich in Grenzen hielten, gab Thomas seine eigene Adresse als Kontaktadresse an und versprach, sich um die Benachrichtigung der Angehörigen zu kümmern.

Wir traten aus dem Portal des Haupteinganges und blieben einen Moment lang unentschlossen stehen. Thomas nahm die Unterhaltung auf.

„Du hattest Recht, er wäre niemals auf diese Weise gestorben.“

In diesem Moment bedauerte ich zutiefst, dass ich mich vorhin in meiner Aufregung dazu hatte hinreißen lassen, derart Stellung zu beziehen -aber es war nun einmal geschehen. Ich ging nicht direkt auf seine Äußerung ein.

„Wir sollten tatsächlich versuchen, weitere Fakten zu sammeln und das geht nur, wenn wir mit so vielen Beteiligten wie möglich in Verbindung setzen.“

„Ich könnte eigentlich in der Zwischenzeit meine Finanzen aufbessern und als Stuntman arbeiten, sterben kann ich dabei schließlich nicht.“

Thomas war und blieb eben ein Kindskopf. Manchmal wusste ich wirklich nicht, ob ich ihn überhaupt ernst nehmen sollte.

„Gute Idee“, versetzte ich, „zwei Dinge solltest du allerdings bedenken: Einerseits besteht durchaus die Möglichkeit, dass du dich schwer verletzt und dann liegst du als Dritter im Bunde im gleichen Krankenhaus wie Herr Pofalla und Jangschub – und andererseits: Warum solltest du nicht wegen deines chronischen Schlafmangels während eines riskanten Doppelloopings am Steuer deines getunten Stuntfahrzeuges einschlafen?...Und das war’s dann, du Held!“

Wieder einmal erhielt ich einen seiner entwaffnenden, treuherzigen Blicke, mit denen es ihm stets gelang, meine Sympathie für ihn neu zu beleben.

„Ich liebe Deinen Sarkasmus,“ feixte er, aber er legte noch nach: „Fallschirmsprünge aus großer Höhe sollte ich aus diesem Grund mit Sicherheit vermeiden, dabei bleibe ich auf keinen Fall wach und verschlafe dann das rechtzeitige Ziehen der Reißleine.“

Die enorme Anspannung entlud sich wieder einmal in übertriebener Heiterkeit und ich lachte so sehr, dass ich nach Luft schnappte und mir die Tränen übers Gesicht liefen. Thomas griente, sein dabei ungewollt geistloser Gesichtsausdruck war für mich Anlass zu ständig neuen Lachattacken. Kurz vor dem völligen Kontrollverlust beruhigte ich mich dann aber doch wieder - höchste Zeit, denn einige vorübergehende Leute hatten schon missbilligend über mein Auftreten den Kopf geschüttelt.

Es galt vor allen Dingen auch, zu besprechen, wie wir uns weiter verhalten sollten. Nach einigem Hin und Her verblieben wir, dass Thomas in den nächsten Tagen Kontakt zum Krankenhaus halten wollte, um sich über Jangschubs Gesundheitszustand zu informieren.

Außerdem nahm er sich vor, seine Studienkollegen Pierre und Paul in Frankreich zu kontaktieren. Vielleicht kannten sie Jangschubs Familie und darüber hinaus waren sie immerhin im Moment die einzigen weiteren Betroffenen des Aufzugunfalls, die erreichbar waren. Mich würde er zeitnah informieren und ich versprach, am kommenden Freitag zur gewohnten Zeit wieder hier zum Krankenhaus zu kommen, um mich um Herrn Pofalla zu kümmern und, falls Jangschub immer noch stationär behandelt wurde, ihn dann auch zu besuchen. Außerdem wollte ich mir verstärkt Gedanken darüber machen, wie wir in Erfahrung bringen könnten, wer die anderen Aufzugsinsassen waren.

Zum Abschied umarmten wir uns und diese versöhnliche und herzliche Geste der Zusammengehörigkeit stand in krassem Gegensatz zu unserer deprimierenden Trennung in der Vorwoche.

 

Als ich in unsere kleine Straße einbog war es schon wieder sehr spät geworden und ich hatte Robert gegenüber heftige Gewissensbisse. Ich parkte in der Einfahrt, stieg aus und war mit wenigen Schritten an der Haustür. Als sich der Eingang durch den Bewegungsmelder erhellte, fiel mir auf dem Grundstück des Nachbarhauses eine Gestalt auf, die in gebückter Haltung kauerte und in meine Richtung zu blicken schien.

„Hallo!“ rief ich, „was suchen Sie da?“

Die Gestalt bewegte sich über einen kleinen Steinweg auf der Wiese des Vorgartens unserer Nachbarn auf mich zu. Als sie aus dem Schatten trat und durch unser Haustürlicht erhellt wurde, sah ich, dass es sich um einen älteren Herrn mit Halbglatze handelte. Er hatte sich seine Brille hoch auf den Kopf geschoben, trug eine weit sitzende Jeans und eine braune Wildlederjacke. Das Erscheinungsbild wirkte nicht bedrohlich.

„Guten Abend“, antwortete er, als er wenige Meter vor mir stehen blieb. “Nein, ich war bei Ihren Nachbarn zu Besuch und habe gerade in diesem Moment meine Autoschlüssel fallen lassen. Also keine Sorge“, er lächelte vertrauenerweckend, „ich tue Ihnen nichts.“

„Ach so“, lächelte ich zurück, „na Hauptsache, Sie haben Ihren Autoschlüssel wieder gefunden.“

„Jaja, alles in Ordnung.“ Er wandte sich zum Gehen. „Schönen Abend noch.“

„Ihnen auch“ wünschte ich zurück und schloss die Haustür auf.

Robert lag schon schlafend im Bett als ich ins Schlafzimmer kam. Er wachte kurz auf und murmelte im Halbschlaf: „Da bist du ja endlich. Gib zu, du hast einen Geliebten.“

Ich kroch über meine Betthälfte zu ihm hinüber, küsste ihn auf den Mund und flüsterte liebevoll: „So ein Quatsch, Du Dummer.“

 

Am nächsten Morgen musste ich wieder ins Geschäft, zwar nur für wenige Stunden, aber leider konnte ich nicht ausschlafen. Ich quälte mich also aus dem Bett. Robert war schon aufgestanden und wir frühstückten gemeinsam mit den Kindern, die auch schon seit einer Weile wach waren. Die Situation vermittelte mir das Gefühl von heiler Welt und Geborgenheit, und dies tat mir unendlich gut.

Auf dem Weg zur Arbeit musste ich wieder durch die belebte Innenstadt. Viele Menschen waren schon unterwegs, um ihre Wochenendeinkäufe noch rechtzeitig über die Bühne zu bringen.

An einer Kreuzung musste ich abrupt abbremsen, weil ich, in Gedanken versunken, das Umspringen der Ampel auf Rotlicht zu spät bemerkt hatte. Besorgt blickte ich in den Rückspiegel, um mich zu vergewissern, dass auch dem hinter mir fahrenden Fahrzeug die Bremsung noch gelang und ich nicht mit einem Auffahrunfall zu rechnen hatte. Tatsächlich quietschten in diesem Moment die Reifen meines Verfolgers und er kam nur ganz dicht hinter mir zum Stehen. Im Rückspiegel sah ich ein etwas älteres, ungepflegtes und schmutziges Mittelklassemodell mit Silbermetalliclackierung. Ich hob die Hand als Zeichen der Entschuldigung für meine Fehlreaktion und stutze: Am Steuer saß ausgerechnet der Mann, der sich gestern Abend auf dem Nachbargrundstück aufgehalten hatte! Ein merkwürdiger Zufall! Oder täuschte ich mich? Immerhin trug der Mann eine Sonnenbrille, aber ich glaubte, deutlich die braune Wildlederjacke zu erkennen.

Der Fahrer reagierte gar nicht auf mein Handzeichen sondern blickte unbeteiligt nach vorn. Irritiert beobachtete ich sein Verhalten im Rückspiegel und wurde erst durch Hupen anderer Verkehrsteilnehmer auf das erneute Umspringen der Ampel hingewiesen. So fuhr ich an und stellte nach einigen hundert Metern Fahrt fest, dass der Wagen hinter mir den Blinker gesetzt hatte und anschließend auch in die nächste linke Querstraße abbog.

 

Während meiner Mittagspause rief ich Thomas an, um nachzuhören, ob es Neuigkeiten von Jangschub gab. Er war auf der Intensivstation gewesen und hatte erfahren, dass Jangschub zwar bei Bewusstsein war, aber anscheinend noch völlig desorientiert – was auch immer das heißen mochte. Besuch ließ man noch nicht zu ihm, so dass Thomas das Krankenhaus wieder verlassen musste, ohne sich selbst ein Bild vom Zustand seines Freundes machen zu können. Er versprach mir, mich weiter auf dem Laufenden zu halten.

Da ich viel zu tun hatte, verging mein Arbeitstag zügig und ich freute mich auf ein entspannendes Wochenende mit Robert und den Kindern.

Tatsächlich verlief der folgende arbeitsfreie Tag auch ganz nach meinen Wünschen und am Sonntagabend fühlte ich mich gut erholt, als ich, blinzelnd in die Abendsonne, auf unserer Terrasse stand. Ein Geräusch erregte meine Aufmerksamkeit und ich entdeckte meine langjährige Nachbarin Gaby auf ihrer Terrasse, damit beschäftigt, Blumenkübel zu verschieben. Wir hatten ein herzliches Verhältnis zu ihr und ihrem Mann, deshalb rief ich erfreut einen Gruß hinüber. Gaby war eine hübsche, schlanke Frau in meinem Alter, ihre zwei Kinder waren etwas jünger als unsere beiden. Sie unterbrach ihre Arbeit und kam an den Gartenzaun, offensichtlich hatte sie Lust auf ein Schwätzchen. So kamen wir ins Plaudern über Kinder, Familie und die neuesten Nachrichten aus gemeinsamem Bekanntenkreis und der Nachbarschaft. Irgendwann brachte ich das Thema auf die nächtliche Begegnung mit dem älteren Herrn.

„Euer Besuch vorgestern Abend hat mir ja einen ganz schönen Schrecken eingejagt, als er im Dunklen nach seinem Autoschlüssel gesucht hat.“

Ich erhielt nur einen verständnislosen Blick.

„Wir hatten vorgestern Abend gar keinen Besuch. Du meinst doch Freitagabend, oder?“

„Ja sicher. Ich kam spät nach Hause und in Eurem Vorgarten hockte ein älterer Herr und jagte mir einen Riesenschrecken ein. Als ich ihn ansprach, gab er an, bei Euch zu Besuch gewesen zu sein und seinen Autoschlüssel verloren zu haben.“

Gaby schüttelte den Kopf. „Also das finde ich jetzt aber äußerst merkwürdig und beunruhigend.“

„Noch beunruhigender finde ich, dass mich derselbe Kerl anscheinend am nächsten Tag mit seinem Auto verfolgt hat. Bis gerade hielt ich das noch für einen Zufall, aber nun mache ich mir doch Gedanken. Vielleicht kundschaftet jemand die Gewohnheiten der Leute hier auf der Straße aus, um Hauseinbrüche vorzubereiten?“

„Abwegig ist das auf keinen Fall“ pflichtete Gaby mir bei, „wir sollten verstärkt die Augen offen halten.

Unbemerkt war Robert ebenfalls auf die Terrasse hinausgetreten.

„Die Augen offen halten?“, mischte er sich scherzend in unser Gespräch ein, „was habt Ihr denn wieder für spannende Geschichten zu besprechen?“

Nachdem Gaby ihm berichtet hatte, was ich beobachtet hatte, schaute er allerdings etwas ernster.

„Vielleicht hat dieser Mann sogar schon vorgestern Abend versucht, bei Euch einzusteigen. Oder er war nicht allein und hat ‚Schmiere gestanden’. Wart Ihr denn Zuhause?“

Gabys Augen wurden groß und ängstlich. „Nein, wir waren mit Bekannten essen und sind erst sehr spät nach Hause gekommen. Aber die Kinder lagen in ihren Betten und schliefen, wir hatten unsere Babysitterin engagiert...nicht auszudenken, was hätte passieren können!“

Robert wandte sich zu mir: „Du hast ihn genau gesehen und könntest ihn beschreiben? Und seinen Wagen auch? Was ist mit dem Kennzeichen?“

Ich überlegte kurz. „Ja, beschreiben kann ich ihn gut, wieder erkennen würde ich ihn auch. Das Auto, mit dem er mich verfolgt hat, war, meiner Einschätzung nach, ein älterer Ford, silbergrau – aber an das Kennzeichen kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.“

„Es kann natürlich auch sein,“ Robert bemühte sich nun offensichtlich, uns wieder etwas zu beruhigen, „dass es sich um einen harmlosen Spanner handelt, der nur versucht, in der Dunkelheit an nächtlichen Fenstern, Frauen in ihren Wohnungen in Unterwäsche zu beobachten...“

„...und der dann am nächsten Tag angezogene Frauen mit seinem Auto verfolgt?“ ergänzte ich seine Äußerung etwas ironisch.

Eine Zeitlang noch standen wir an diesem Sonntagabend draußen zusammen und mutmaßten, welche Rolle der nächtliche Besucher eventuell gespielt haben könnte und ob tatsächlich gegebenenfalls Vorsichtsmaßnahmen erforderlich sein würden.

 

Am folgenden Montag ging ich im Geschäft in unser Verwaltungsbüro und bat darum, mich für den nächsten Tag mit verkürztem Dienst einzutragen. Mein Plan war, an diesem Dienstag in der Mittagszeit in die Nachbarstadt zum Fernsehturm fahren, um mein Versrechen einzulösen und der Toilettenfrau Frau Krause die letzten Neuigkeiten über Herrn Pofalla zu erzählen. Das Risiko, sie nicht an ihrem Arbeitsplatz anzutreffen, ging ich ein – eine gewisse Unruhe erfasste mich wieder bei dem Gedanken, den Ort des Geschehens zu betreten und dennoch fühlte ich mich so magisch davon angezogen, dass ich froh war, mich unter diesem Vorwand wieder dorthin begeben zu können.

Mein Gefühl war vergleichbar mit der fröstelnden Erwartung, mit der man eine Kinovorstellung besucht, in der ein äußerst gruseliger und brutaler Horrorfilm angekündigt wird. Einerseits ist der Besucher aufgeregt und lechzt mit einem gewissen Lustgefühl nach der nervösen Anspannung, die er durchleben wird, andererseits ist er aber auch besorgt, dass der Film gewisse Grenzen des Erträglichen überschreitet und für ihn zu einem nachhaltig belastenden Erlebnis wird.

Mein Empfinden war scheinbar anders als bei meiner ersten Rückkehr zum Unfallort – noch konnte ich meine Gefühle aber nicht eindeutig einordnen oder interpretieren.

Als ich nun, wie geplant, am nächsten Tag durch den Haupteingang des Fernsehturmes ging, ließ ich mich ganz auf diese Gefühle ein. Meine Antennen waren darauf ausgerichtet, alle Sinnesreize in dieser Situation aufzunehmen, auszuwerten und abzuspeichern.

Nur wenige Menschen hatten heute ebenfalls den Weg hierher gefunden – ich nahm sie am Rande wahr. Eine beinahe mystische Stimmung stellte sich bei mir ein, als ich mich im Vorraum der Aufzüge bewegte, ein leichter Schauer erfasste mich.

Was war los mit mir? Thomas hätte seine wahre Freude an mir gehabt - aber wäre er dabei gewesen, hätte ich meine Empfindungen sicher wieder mit Witz oder Spöttereien zugedeckt, um mich durch ihn nicht zu sehr durcheinander bringen und ängstigen zu lassen. Jetzt richtete sich meine ganze Aufmerksamkeit auf die Aufzugstüren. Hatte ich mich beim letzten Besuch nur mit starken Beklemmungen in ihrer Nähe aufhalten können, fühlte ich mich nun von ihnen magisch angezogen. Der wohlbekannte Gong ertönte und die Tür schob sich lautlos auseinander. Eine Frau verließ mit ihrer kleinen Tochter die Kabine, ansonsten hockte ein junger Bursche als Aufzugführer auf seinem Hocker.

Wie fremd gesteuert trat ich zunächst zwei, drei Schritte vor und dann noch ein paar und fand mich dann tatsächlich in den beengten Räumlichkeiten wieder, die mich in meine Albträume verfolgten und von denen ich niemals gedacht hatte, sie noch einmal in meinem Leben freiwillig zu betreten. Was sollte das? Was tat ich hier?

Bevor ich zu Verstand kam, schlossen sich die Lifttüren und der Aufzug setzte sich mit uns beiden in Bewegung. Fast versteinert stand ich am Rand der Kabine und hielt mich krampfhaft am rundherum an den Wänden angebrachten Geländer fest.

Offensichtlich sah man mir an, dass ich um Fassung rang, denn der junge Aufzugsführer hatte die Augenbrauen zusammengezogen und beobachtete mich eindringlich.

„Alles in Ordnung?“ fragte er nach einiger Zeit.

Ich machte eine abwehrende Handbewegung und nickte schwer atmend.

Er studierte trotzdem aufmerksam weiter mein Gesicht.

Sowohl der Geruch des Raumes, an den ich mich nun deutlich wieder erinnerte, als auch die Fahrgeräusche versetzten mich in allerhöchste Alarmbereitschaft. Endlose Sekunden vergingen, und gerade, als ich dachte, ich könnte die Anspannung nicht mehr ertragen, gab es einen leichten Ruck, der Aufzug stoppte, der Gong ertönte und die Türen öffneten sich.

„Sie haben es geschafft“, sagte der junge Mann freundlich aufmunternd, vermutlich auch recht belustigt.

Ich aber wusste nur eins: Falls ich diese Kabine nun wieder verlassen würde, müsste man mich wahrscheinlich mit einem Rettungshubschrauber von der Aussichtsplattform bergen, denn niemals wieder würde ich diese Horrorkiste hier betreten.

Deshalb schloss ich die Augen und zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen:

 „Ich bleibe drin.“

„Vielleicht wäre ein kleines Päuschen doch zu empfehlen?“ Es war ein nett gemeinter Versuch des jungen Mannes, mich zu motivieren, die Kabine zu verlassen; er fand mein Verhalten sicher äußerst befremdend.

Konsequent schüttelte ich den Kopf. „Auf keinen Fall.“

„Okay, wie Sie meinen“. Einen Moment noch wartete er, bis zwei Männer, ihrem Aussehen nach Japaner, zugestiegen waren. Dann schlossen sich die Türen, der Gong ertönte wieder und der Lift glitt abwärts.

Hatte ich gedacht, die Fahrt nach oben sei ein schlimmes Erlebnis für mich gewesen, wurde ich nun eines Besseren belehrt!

Schlagartig waren alle Gefühle und Empfindungen des Unfalltages wieder präsent und zwar mit einer unerträglichen Intensität. Die Umgebung verschwamm mir vor den Augen und die anderen drei Menschen schienen ausgeblendet. Jeden Moment erwartete ich das krachende Geräusch der Seilkonstruktion, mit dem sich der Unfall angekündigt hatte. Die gleiche heftige Übelkeit, die ich damals empfunden hatte, ergriff Besitz von mir.

Ich spürte Katjas Nähe und sah auch sonst alle Insassen mit ihren persönlichen Eigenheiten: Der freundliche Herr Pofalla mit seiner Kappe auf dem Klapphöckerchen, die ausgelassenen Studenten und Thomas, der mit seiner frischen Gesichtsfarbe ganz anders aussah und entspannt und fröhlich wirkte, die ältere Dame, die fürsorglich ihrem Enkelkind die Nase abtupfte, die zwei jungen Pärchen, von denen sich eins verliebt in die Augen blickte und das andere eng aneinander geschmiegt stand, und schließlich das ältere Paar, bei dem der glatzköpfige Mann mit der hellen Leinenhose und der cremefarbenen Popelin-Jacke etwas mürrisch schaute und seine ähnlich gekleidete Frau, grauhaarig, mit altmodischer, akkurater Lockenfrisur, etwas in ihrer Handtasche zu suchen schien. Wie ein Foto betrachtete ich die Menschen vor meinem inneren Auge. Mit blutendem Herzen gewahrte ich Katjas liebes Gesicht und erlebte die Erinnerung an ihre freundschaftliche Wärme. In diesen Sekunden war sie die Einzige gewesen, die mit Sicherheit wusste, dass ihr Leben nicht mehr lange dauern würde und hatte dieses mit einer unerklärlichen Fassung vor mir und allen Menschen, die sie liebte, verborgen.

Immer noch glaubte ich, jeden Augenblick das laute Kratzen über uns hören zu müssen - aber stattdessen registrierte ich, wie von weit her, die eindringliche und lauter werdende Stimme des jungen Aufzugführers.

„Hallo, halllooooo....wollen Sie noch einmal mit hoch fahren?!“

Ich öffnete die Augen. Mit beiden Händen hatte ich mich am Geländer festgekrallt und stand nach vorn gebeugt, etwas breitbeinig und mit dem Rücken zum jungen Mann vor der Aufzugswand. Statt einer Antwort kam nur ein rülpsendes Geräusch über meine Lippen und ich konnte gerade noch verhindern, mich an Ort und Stelle zu übergeben. Mit der Hand vor meinem Mund taumelte ich aus dem Aufzug heraus und versuchte so zügig wie möglich die Toilettenräume zu ereichen, ein, wegen der heftigen, Schwindel verursachenden, Übelkeit, recht schwieriges Unterfangen. Im wirklich allerletzten Augenblick gelang es mir noch, die Toilettentür aufzureißen und dann entleerte sich in minutenlanger Quälerei mein Mageninhalt.

Schweißnass und mit immer noch heftigen Kreislaufbeschwerden steuerte ich anschließend das Waschbecken an. Frau Krause, die Toilettenfrau, wegen der ich eigentlich hergekommen war, saß auf ihrem Stuhl im Vorraum und beobachtete mich aufmerksam aus der Distanz. Wenigstens das war am heutigen Tag positiv: Sie hatte Dienst!

„Na, Frollein, hamse wohl ein Gläschen zuviel getrunken?“

Mit den Händen schöpfte ich mir klares Wasser über das Gesicht und antwortete dabei, immer noch über das Waschbecken gebeugt.

„Erkennen Sie mich nicht? Frau Krause, ich bin’s. Diejenige, die Ihnen versprochen hat, sich nach Herrn Günther Pofalla zu erkundigen. Ich wollte mich doch wieder bei Ihnen melden!“

 

 

Wenn ich Zeit habe erzähle ich weiter!

 

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